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Durch das ganze Mittelalter erringt die gesammte Kunst Österreichs — ich meine
hier das deutsche sogenannte Jnnerösterreich — und somit auch diejenige Wiens noch
kein selbständigeres Gepräge. In diese östlichen Grenzgebiete flutete damals nur die
äußerste Brandung der deutschen Culturbewegung, spielte an einzelnen verstreuten Punkten
im Süden auch zuweilen ein Wellenschlag der italienisch-mittelalterlichen Kunst herein;
in der Kirchenbaukunst war durch besondere Umstände hier und da selbst Frankreichs
Einfluß mächtig, ein local Eigenthümliches kam aber noch nicht zum Wachsthum. So
tragen denn auch unsere größten mittelalterlichen Schöpfungen diesen Charakter, der der
Charakter des ganzen Landes und seines Volksthnmes in jenen Zeiten ist, wo von
Barbaren verheerte Gegenden erst allmälig durch deutsche Ansiedler aus Baiern, Franken
und anderen Gauen cultivirt worden waren, wo der wachsende Verkehr später Niederländer
und Wälsche herbeiführte, wo ein slavisches und magyarisches Nachbarthum das Mosaik
noch bunter machte und fortdauernde Kämpfe noch durch Jahrhunderte jene Ruhe raubten,
unter deren Segnungen allein alle diese bunten Elemente in einen Ton verschmolzen
werden konnten. So stehen die italienischen Einflüsse im Gurker Dom, die französischen
in den Kirchenbauten Böhmens, der deutsche Hallenbau von St. Stefan nebeneinander
in Einem Lande.
Die Tafelmalerei läßt sich durch das XV. und XVI. Jahrhundert als Nachfolgerin
der Schulen von Köln, der niederländischen, fränkischen und baierischen bis auf die
Elemente der Dürer'schen und Holbein'schen Richtung Nachweisen, aber bei allen diesen
mannigfachen Wandlungen fällt es selbst vom rein kunstwissenschaftlichen Standpunkte
ungemein schwer, an den Producten nach Stil, Auffassung und Technik bezeichnende
Symptome localer Natur zu finden, geschweige denn, daß etwa ein im allgemeinsten
Sinne österreichisch und wienerisch zu nennendes Hanptmoment charakteristisch aus ihnen
entgegenleuchten würde.
An Ansätzen zur Bildung desselben, welche aber der Sturm jener rauhen Zeiten
größtentheils wieder verwischte, fehlte es übrigens auch im Mittelalter keineswegs. Sie
gingen weniger von dem im Allgemeinen am meisten knnstfördernden Factor, von der
Geistlichkeit aus; denn der einheitliche, in der gesammten damaligen Welt von denselben
kirchlichen Idealen und Normen beherrschte Geist ihres Kunstschaffens begünstigte eine
Entwicklung im Sinne des Stammeseigenthümlichen nicht. Das städtische Bürgerthum,
in Deutschland wie in dezi Niederlanden und in Italien der mächtigste Hebel für die
Jndividualisirung der Kunst, kam in Österreich gerade nicht zu freier Blüte; dem Adel
versagte der endlose Krieg und stete Besitzwechsel hierzulande im früheren Mittelalter
die Möglichkeit, die edle, aber zarte Pflanze zu warten; so ist es denn seit den ältesten
Zeiten das dynastische Element gewesen, das in Österreich die Künste nicht nur auf das