MAK

Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild, 1. Abtheilung: Wien

283 
und dem Marchfeld, Johannisbeeren, Stachelbeeren aus Preßburg und der unteren Donau 
gegend; andere enthalten Walderdbeeren vom Semering und Himbeeren, wieder andere 
Schwämme aus dem Wienerwald. Dann kommen Wagenladungen mit eigenthümlich nett 
verflochtenen viereckigen Körbchen; sie bringen Paradeisäpfel ans Italien, Istrien und 
Görz. Jeder Händler erhält seinen Standplatz, wo er die Maare ausbreitet; die Verkäufer 
eßbarer Schwämme müssen bei jedem Korb ihr eigenes Licht aufstellen, damit man unter 
scheidet, ob unter ihren Pilslingen, Röthlingen und Champignons sich nicht ein giftiges 
Stück eingeschlichen hat. Von anderen Seiten werden in großen, spitz zulaufenden Bütteln 
die unzählbaren Massen von Gemüse gebracht: Petersilie und Carotten, rothe Rüben und 
Kohl, Salat und Kohlrabi, Zwiebel und Porree, kurz Alles, was die Jahreszeit bietet und 
die Küche braucht. Es wird von den Wagen zu den Standplätzen getragen, sauber in Haufen 
aufgeschlichtet und füllt bald die ganze „Freyung" bis zur Renngasse und in den „tiefen 
Graben" so an, daß kaum die Passage frei bleibt. Die Markteommissäre halten strenge 
Ordnung, hier darf kein Wagen stehen bleiben, nur die Maare wird ausgebreitet. Nun 
kommen Fuhren mit Blumen: Hortensien, Nelken, Rosen, Pelargonien, Levkoyen, Reseden, 
in Töpfen oder abgeschnitten, spottbillig. Während so der Großverkauf vorbereitet wird, 
sind die umliegenden Kaffeehäuser und Gaststuben schon von jenen Leuten besetzt, die später 
Einkäufe machen wollen: Greißlern, Wirthen, Marktweibern, Händlern, Hausirern, es 
geht recht lustig und wohlbehübig in dieser echt wienerischen biederen Gesellschaft im Halb 
dunkel zu; sie trinken Melange und essen Krapfen, stärken sich mit Punsch oder Schnaps; 
eine Gruppe von Fuhrleuten vertreibt sich die Zeit mit Kartenspielen, während andere 
ermüdet auf deu Bänken, Sesseln und Billards liegen und schlafen. 
Da schlägt die Uhr drei, der Un Aros-Handel darf beginnen; das Getriebe wächst 
zusehends; die Bewegung der vielen Tausende von Männern, Weibern, Kindern, Gehilfen, 
Trägern, Fuhrleuten, macht den Eindruck des Ameisenhaufens. „Am Hof", auf der 
„Freyung", auf dem „Judenplatze" sieht man Kopf an Kopf, die Leute mit den weißen und 
bunten Kopftücheln, den niedrigen Kappen, den blauen Schürzen; es wogt hin und her wie 
auf einem riesigen Corso. Mindestens 6.000 bis 8.000 Menschen verkehren hier emsig mit 
einander. Das Geschäft erreicht gegen vier Uhr Morgens seinen Höhepunkt, dann beginnen 
sich die Reihen zu lichten; die Käufer fahren ihr Gemüse und Obst für den Detailhandel 
fort; die Verkäufer, die ihre Maare an Mann gebracht haben, kehren zu ihren Wagen 
zurück; der Tag graut bereits; das Bild, welches früher mit einem matten Schleier bedeckt 
war, tritt nun farbenreicher und immer klarer hervor; die Gruppen ordnen sich neu; gegen 
fünf Uhr kehren schon viele Wagen mit leeren Bütteln und Körben heim; auf dem Markt- 
Platze selbst fängt man an, für den Kleinverkauf die Gemüse und das Obst zu sortrren; um 
sechs Uhr muß nach der Marktordnung Alles verschwunden sein, was den Großverschleiß
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.