228
Regierungsform wurde zwar gewahrt, aber dem Volke in einem ständischen Landtage die
Möglichkeit eingeräumt, seine Anliegen lind Beschwerden zu äußern. Die rein bnrcankratische
Organisation der Ämter sollte durch eine gemischte Organisation, in welcher die autonomen
Elemente beinahe vorherrschten, ersetzt werden.
Diese organisatorischen Arbeiten befanden sich in vollständigem Einklänge mit der
äußeren Politik, welche Leopold II. dem nach der ersten Theilung noch übrig gebliebenen
polnischen Staate gegenüber einschlug. Der erschütternde Eindruck der ersten Theilung hat
das Werk der nationalen Wiedergeburt jedenfalls beschleunigt. Ein geordnetes Gerichtswesen
und ein wenn auch kleines, ständiges Heer machten der alten Anarchie ein Ende.
Der im Jahre 1775 eingesetzte ständige Rath arbeitete trotz seiner Schwerfälligkeit mit
sichtbarem Erfolge aus dem Gebiete der staatlichen Verwaltung. Dieser Erfolg machte sich
insbesondere in der Volkswirthschaft bemerkbar: Handel und Gewerbe fanden eine kräftige
Unterstützung, und das Bürgcrthum in den Städten, insbesondere in Warschau, entwickelte
sich zu einer Macht, welche auch auf den Gang der politischen Ereignisse nicht ohne Einfluß
war. Die Rückwirkung auf den Ackerbau blieb auch nicht aus, und es tauchten immer
häufiger Versuche auf, die bäuerlichen Verhältnisse auf einer anderen Grundlage zu ordnen.
Ter größte Aufschwung vollzog sich aber auf dem Gebiete des Unterrichtswescns und der
Literatur. Die nach der Aufhebung des Jesuitenordens eingesetzte „Educations-Commission"
verwendete die Einkünfte des immensen Jesuitenbesitzes für Nnterrichtszwccke, und es gelang
ihr, die Universitäten gründlich zu resormiren, eine Reihe von Mittel- und Volksschulen
zu schaffen und dem ganzen Werke der nationalen Erziehung eine aufgeklärte, politisch
vernünftige Richtung zu geben. Die Zahl derjenigen, welche den Verfall Polens tief
beklagten und bereit waren, für die politische Wiedergeburt des Landes zu wirken, war
so beträchtlich, daß sie bereits auf dem Reichstage vom Jahre 1789 die führende Nolle
spielten. Ihre Politik war gegen Rußland gerichtet, welches nach der ersten Theilung eine
präponderante Stellung in Polen gewonnen hatte. Sie nützten den zwischen Rußland und
Preußen ausgebrochenen Antagonismus zu einem Bündnisse mit Preußen aus, das insoferne
auch gegen Österreich gerichtet war, als die äußere Politik Josefs II. sich eng au die russische
"»geschlossen hatte. Als aber das von Josef II. gepflegte Einvernehmen Österreichs mit
Rußland in die Brüche ging, suchten und fanden die polnischen Patrioten eine feste
und aufrichtige Stütze ihrer Bestrebungen in Leopold II-, welcher die Bedeutung einer
Cvnsolidirung des polnischen Staatswesens für Österreich vollkommen würdigte. Mit
Wissen und mit Aufmunterung Leopolds II. kam die polnische Constitution vom 3. Mai 1791
zustande, in welcher Polen den anarchischen Institutionen seiner Vergangenheit ausdrücklich
entsagte, die Freiheit des Adels zügelte, dem Bürgerstande politische Rechte zusprach,
den Bauernstand unter den Schutz des öffentlichen Rechtes stellte, eine erbliche Monarchie