MAK

Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Galizien

283 
der Sage nach auf dem Krzemionki (ein vermuthlich wegen seines Kieselbodens so 
benannter Vorort Krakaus) in einer noch heute von Fremden besichtigten Höhle wohnte. 
Vieles Andere dient nur zur Aufheiterung oder zum Spaß. Es sind dies gewöhnlich 
mehr oder minder scharfe Satyren oder witzige Anekdoten. Vom Mazuren sagt der Ruthene, 
daß er neun Tage nach der Geburt blind ist; das soll heißen, daß der Mazure dumm ist, 
wie ein Klotz. Um also Gleiches mit Gleichem zu vergelten, erzählt der Mazure folgende 
Geschichte vom Ruthenen: Ein Ruthene erblickte eines Tages im Walde, hoch auf einer 
Tanne sitzend, eine Eule. Er kommt ins Dorf und erzählt, daß dort auf einem Baum der 
„Herrgott" sitze. Die Ruthenen beschlossen nach langen Berathungen, diesen „Herrgott" 
ins Dorf zu schaffen, das werde ihnen in Allem Glück bringen. Da that sich eine große 
Menge Bauern zusammen; sie nahmen eine Leiter und machten sich auf den Weg. So 
lange sie über's Feld gehen, so geht alles gut; wie sie aber in den Wald kommen, so 
bleiben sie stecken, denn sie tragen die Leiter der Quere, nicht der Länge nach. Wie sollten 
sie also damit durch den Wald kommen? Sie hieben also den Wald aus, so lange die 
Leiter war und gelangten endlich zum Baume, auf welchem die Eule saß. Sie versuchten 
nun die Leiter anzulegen, aber vergeblich; sie war zu kurz. Was sängt man nun an? Sie 
warfen die Leiter fort, wählten den allerstärksten unter sich aus und stellten ihn unter den 
Baum. Ein Zweiter stieg auf ihn hinauf, ein Dritter kletterte auf diesen und so stieg immer 
einer auf den letzten, bis der Allerletzte auf den Achseln seines Vorgängers stand, mit einer 
Hand einen Ast erfaßte mit der anderen nach dem „Herrgott" langte und schrie: „Ich 
Hab'ihn, den Herrgott, ich Hab'ihn!" Nun will also Jener, welcher zu unterst steht, so 
schnell als möglich den „Herrgott" erblicken, er springt beiseite und so fallen Alle aus den 
Boden, wie die Birnen vom Baum herunter. Alle sind zerschlagen, am schlimmsten geht 
es aber dem, welcher sich an den Ast gehängt hat; er hängt in der Luft und man kann ihn 
auf keine Weise zur Erde herunterbringen. Was thun unsere Ruthenen? Einer von ihnen, 
der geschickt im Schleudern war, warf sein Beil hinauf und traf den Hängenden in den 
Kopf (anstatt die Hand, wie er gewollt hatte) und so schnitt er ihn vom Baum ab, während 
der „Herrgott" inzwischen davon flog. 
Ebenso abergläubisch wie der Ruthene ist auch der Pole, nur daß dieser letztere 
gewisse abergläubische Vorurtheile nicht hat, ja sich sogar dagegen kehrt, wie die nach 
folgende kleine Satyre beweist. Einstmals weckte ein Landwirth seinen Knecht in aller 
Früh und sagte: „Füttere die Pferde, Wojtek, denn wir fahren in den Wald. Der Winter 
ist streng und in der Hütte geht das Holz zu Ende." Der Wojtek hat die Pferde gefüttert 
und eingespannt; sie setzen sich auf den Schlitten und „Hüoh!" in den Wald. Kaum sind 
sie aus dem Dorfe hinaus, so kommt ein Weib mit Wasserkrügen daher und geht ihnen 
über'n Weg. „Weißt Du was", sagt da der Landmann zum Wojtek, „bleib einmal stehen!"
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.