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Der Ruthene ist im Allgemeinen von hohem und schlankem Wuchs, fast vorwiegend
blauäugig, das Haar ist nur mit der Zeit durch Schmieren mit Fett dunkel geworden,
während die Kinder hellblonde Kopfe zeigen. Von Natur aus ist er langsam und bedächtig,
aber so ausdauernd, daß er auch unter schwierigen
Umständen das nöthige Gleichgewicht zu behalten
weiß. Ungeachtet seiner angeborenen Gutmüthig-
keit und Sanftmut!) wird er doch ungestüm, wenn
man ihn kränkt oder reizt. Die traurige Vergangen
heit, wiederholte Streifzüge feindlicher Horden,
die seine Wohnstätten gar oft in Schutt und
Trümmer verwandelten, jahrhundertelange Leib
eigenschaft, sowie Sclaverei und Gefangenschaft,
welcher insbesondere die Bevölkerung der den
tatarischen und türkischen Gebieten angrenzenden
ruthenischen Länder anheim fiel, haben dem
Ruthenen ein ganz eigenthümliches Gepräge
gegeben. Er erscheint daher melancholisch, in
Gedanken vertieft, verschlossen und mißtrauisch,
zugleich aber sorglos um die nächste Zukunft, aber
gläubisch und fatalistisch. Andererseits ist er so
leichtgläubig und unbeholfen, daß er sehr oft
Wucherern, Schenkwirthen oder gewissenlosen
Auswanderungsagenten zum Opfer fällt.
Der Ruthene hält fest an dem Hergebrachten,
verschließt sich aber dem Fortschritte nicht, wenn
er nur die Überzeugung gewinnt, daß seine
Bemühungen zum Ziele führen. Es mangelt ihm
durchaus nicht an Geistesanlagen; er zeichnet sich
durch gesunden Menschenverstand und Empfäng
lichkeit für tiefere Gedanken und Gefühle aus.
Die Bestrebungen der Geistlichkeit und der Volks
aufklärungsvereine haben in den letzten Jahrzehnten schöne Früchte gezeitigt und in den
Volksmassen den Sinn für Cultur und Fortschritt, für Sparsamkeit und Nüchternheit
geweckt. Das Nationalbewußtsein hat in den Volksmassen ziemlich tiefe Wurzeln geschlagen;
aber bei allem Nationalgefühl ist der Ruthene doch nicht unduldsam gegen andere
Nationalitäten und Glaubensbekenntnisse. Er lernt gerne andere Sprachen, wobei
Ein ruthenischer Kirchenbesucher.