424
Papier gebracht worden. Immerhin aber bilden auch diese Überreste der ruthenischen
Volkspoesie und Volkssage einen reichen und werthvollen Schatz, welcher uns ein klares
Bild der Vergangenheit, des Lebens und Denkens des ruthenischen Volkes darbietet und
als Zeugniß des bedeutenden Culturgrades, welchen dieses Volk erreicht hat, dienen kann.
Ergreifende Wehmuth, tiefe, echt menschliche Gefühle, mit großem Takt und Züchtigkeit
zum Ausdruck gebracht, Zartheit mit männlicher Kraft gepaart, kennzeichnen die lyrischen
Dichtungen, während die Dumen außer ihrem poetischen Werthe von großer Wichtigkeit
für die Geschichte des ruthenischen Volkes sind.
Erst zu Anfang des laufenden Jahrhunderts haben Forscher und Gelehrte ihr
Augenmerk der ruthenischen Volksliteratur geschenkt und fingen an Volkslieder, Sagen,
Überlieferungen und dergleichen unter dem Volke zu sammeln. In dieser Beziehung haben
sich vor allem der ehemalige Universitätsprofessor Jakob Holowackij mit seinen Genossen
Szaszkiewicz und Wagilewicz verdient gemacht; ferner Michael Maxymowicz, Kulisz,
Kostomarow, Metlynskij, Czubinskij, welch' letzterer ein reichhaltiges Material in sieben
umfassenden Bänden herausgab. Vorzüglich commentirte Ausgaben der historischen Volks
dichtungen haben Professor Wladimir Antonovicz und Drahomanow geliefert. Von den
polnischen Ethnographen seien hier besonders Chodakowski, Waclaw z Oleska (Wenzel
Zaleski), Kolberg und Kopernicki erwähnt. Musterhafte deutsche Übersetzungen rutheuischer
Volkslieder hat Friedrich Bodenstedt unter dem Titel „Die poetische Ukraine" (Stuttgart
1845) herausgegeben. Außerdem hat Professor Ludwig Adolf Simigiuowicz-Staust
„Kleinrussische Volkslieder" in schöner Nachdichtung (Leipzig 1888) und in periodischen
Zeitschriften Karl Emil Franzos sowie der ruthenische Dichter Fedkowicz geliefert.
Zu den ältesten Schöpfungen der ruthenischen Volksdichtung gehören ohne Zweifel
jene Lieder, welche bei verschiedenen Gebräuchen, Festen, Spielen, Umzügen u. s. w.
vorgetragen werden, nämlich Weihnachts- und Neujahrslieder (kölackz', s^c/säriveüx),
Frühjahrs- und Osterlieder (-vessuiunü^, llallitü^), Johaunisfestlieder (küxaliu), Ernte
festlieder, Hochzeitslieder und dergleichen. Diese Lieder haben in der Regel einen
mythischen Untergrund; sie weisen Überreste der vorchristlichen Anschauungen und des
Volksglaubens auf, und haben einen besonderen Werth als Hauptquelle der Mythologie,
sowie als Überreste des alten mythischen Volksepos. Allein in diesen Volksliedern finden
wir nicht blos mythisch-religiöse Anklänge, nicht nur Überreste der Verehrung heidnischer
Gottheiten, sondern auch Lobpreisungen der alten ruthenischen Helden und Fürsten.
Manche Weihnachts- und Neujahrslieder weisen Spuren aus der Periode der ruthenischen
Theilfürsten und deren Gefolgschaft (ckruLMu) nach und bilden hiemit den Übergang von
dem mythischen zum historischen, vortatarischen Epos. Die betreffenden Dichtungen haben
sich im Volksmunde zumeist der ehemaligen Theilsürstenthümer Haiyc und Wolodymhr