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Anschauung Geschichte und Volksleben, Vergangenheit und Gegenwart der schon seit dem
Xl. Jahrhundert kurz nach der Zerstörung Ani's nach und nach hier eingewanderten und
gastlich aufgenommenen armenischen Flüchtlinge kennen zu lernen. Er wollte diesen Ableger
des armenischen Stammes ans seine Widerstandsfähigkeit und sein Nationalbewußtsein
hin prüfen, er wollte sich überzeugen, ob sein Volk, das ja seine Mission als Träger der
westlichen Cultur in Asien so rühmlich vollbracht, genügende Energie und Elastizität besitze,
um ans den in umgekehrter Richtung stromaufwärts treibenden Wellen ein Stück Orient
in den Occident hineinzntragen und ihn, und mit ihm die nationale Eigenart, dort Jahrhunderte
lang in ihrer ganzen orientalischen Farbenfrische zu bewahren.
Minas Phsyschkianz, der selbst seinen Namen gern wohlklingender und anspruchsvoller
in „de Medicis" übersetzte, ist ein aufmerksamer und kenntnißreicher Tourist. Er
berichtet über Bücher und Handschriften, überrascht uns durch die Nachricht von in Lemberg
gedruckten armenischen Psalmen und medicinischen Werken, entziffert die Aufschriften der
halb verwitterten Grabsteine und Gedenktafeln, er ordnet die Daten und stellt die
geschichtlichen Facta zu einem kurzen historischen Abriß zusammen. Aber wo er sich der
Schilderung der damaligen Zustände und des armenischen Volkslebens zuwenden soll,
da wird er einsilbig, wortkarg, beinahe mürrisch. Nur im Vorbeigehen wirft er die
Bemerkung hin, daß es jetzt in Lemberg kaum mehr als hundert Familien gebe, die dazu
noch großenteils auf dem Lande wohnen, und glaubt ausdrücklich hervorheben zu müssen,
daß im Kloster der armenischen Fräulein zu Lemberg die Gebete „noch" armenisch
gesprochen werden.
Der gelehrte Pater hat sich entschieden um 150 Jahre verspätet. Wäre ein Reisender
in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts in Ostgalizien gewesen, zum Beispiel in
Gesellschaft des Pater Luigi Maria Pidou, der hier lange Jahre hindurch für die Union mit
Rom arbeitete, so hätte er noch die Armenier als eine fest geschlossene Masse vorgefnnden.
Damals gebrauchten sie noch durchwegs die eigene Sprache, besaßen eigene Gerichte und
Gesetze, waren stark und mächtig durch bedeutenden Besitz, zahlreiche Privilegien und
Bevorzugungen, die sie durch Klugheit und gewandtes Auftreten von den polnischen
Königen und den Großen des Reiches, trotz der oft heftigen Einsprache der Municipien,
zu erlangen wußten. Als Beherrscher des ganzen polnischen Orienthandels, als große
Importeure, als Handelsvolk, das mit der Levante in regen Beziehungen stand und im
Nordwesten Europa's, an den Ufern der Amstel, eine wichtige Handelscolonie gründete,
waren sie theilweise Kosmopoliten; sie fühlten sich aber auch gleichzeitig eng verbunden
mit dem polnischen Elemente durch die Gemeinsamkeit der städtischen Interessen und
politischen Verhältnisse, deren Folgen ihr Handel als das empfindlichste Glied des volkswirthschaftlichen
Körpers immer am ehesten und heftigsten zu spüren bekam.