232
gegeben wird, damit dieselbe ihm in der anderen Welt als Nahrung diene. Dagegen
genießen die Kinder, wenn sie älter werden, wenig Pflege. Sobald sie die Wiege verlassen
können, werden sie älteren Geschwistern, mit denen sie die auf Arbeit ausgehenden
Eltern zusammen einsperren, oder sich selbst überlassen. Sind die Eltern zu Hause, so
kriecht und geht das Kind in seinem schmutzigen Hemdchen meist unbeaufsichtigt im Hofe
umher; denn der Schutzengel schützt ihren Liebling vor Gefahren? Die ruthenische
Mutter fürchtet sich spät abends mit ihrem Kinde nach Hause zu gehen, da böse Geister
dasselbe vertauschen könnten. Nicht von jedem Gaste läßt sie dasselbe anschauen, um es
vor „bösen Augen" zu hüten; wer aber das Kind anschaut, muß dreimal ausspucken,
wobei die besorgte Mutter ausruft: „Our pnslruclu^iu oermur" (wehe den bösen Augen).
Schreitet ein Mensch oder ein Thier über ein Kind hinweg, so behindert dies das Wachsen
und Gedeihen des letzteren. Wenn ein schwangeres Weib mehrere Male jemandem begegnet,
der drei Kannen Wasser trägt, so wird es Zwillinge oder Drillinge gebären.
Das ruthenische Kind beginnt schon im fünften Lebensjahre den Eltern kleine Hilfsdienste
zu leisten; besonders die Obhut der Herden wird ihm anvertraut. Auf der
Wiese und sonst in freier Zeit kommen die Kinder zusammen und führen hier ihre Kinderspiele
ans, wie: „das Verstecken" (muurki), das „Ballspiel" (pMa), das „Schaukeln"
(lrojänt^chn), „Reiß ab den Schweif" (umvMst), „ck/üublü" oder „Autüi", das ist die
Übung mit Stöcken nach einem entfernten Ziele zu werfen :c. Sehr beliebt ist auch das
„Pferdchenspiel" (kouLn liralzsi; ein Knabe nämlich reitet hiebei dem anderen auf dem
Rücken und recitirt:
„Es reitet dort ein Herr
Auf dem Pferd einher,
Nach dem Herrn ein Bauersmann,
Der sein Pferd wohl reiten kann,
Nach dem Bauersmann ein Jud,
Sitzt am Pferde gar nicht gut,
Judenbuben hinterdrein
Verloren die Pantöffelein."
Die Schule besucht das Kind sehr unregelmäßig. Dies liegt aber nicht so sehr an
ihm, als vielmehr an den Eltern, welche oft der Schule feindlich gesinnt sind, weil sie in
dem Schulknaben einen unentgeltlichen Hirten, einen Hüter des Hauses, einen Gehilfen bei
allen leichteren Dienstleistungen verlieren. Doch ist in neuester Zeit eine Wendung zum
Besseren bemerkbar, seitdem ein zwanzigjähriger Bauernbnrsch, vom Volke der „Prophet
von Mahala"- genannt, aufgetreten ist, der demselben gänzliche Enthaltsamkeit vom
Branntwein, sowie den eifrigen Besuch der Volksschule durch die Dorfjngend predigt. In
Folge dessen sind die Schulen der Prnthgegend fast überfüllt.
* „Wenn das Kindchen fällt, der Engel den Polster unterhält", lautet ein diesbezügliches Sprichwort, ditMa
pado, Io gnkel poduorku kludo.)
-Ein Dorf in der Nähe von Czernowitz.