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die man aber selten finden kann, eine Mutter mit ihrem Kinde in den Berg; sie füllte ihre
Schürze mit Gold und Edelgestein, vergaß aber ihr Kind in der Berghöhle. Sie konnte den
Eingang nicht mehr finden und das Kind soll der Wanderer in stillen Nächten heute noch
wimmern hören aus dem Berge und klagen über eine Mutter, die irdischer Schätze wegen
ihr Kind vergessen kann.
Jetzt liegt vor uns Mürzzuschlag. Der stattliche Ort ist weitbekannt und ein
Lieblingspunkt der Wiener Sonntagsausflügler, Sommerfrischler und Touristen. Die
freundlichen Anhöhen, die den Ort umgeben, gönnen prächtige Rundblicke ins Mürzthal
zurück, in das Fröschnitzthal gegen Spital und den Semering, in das Hochgebirgsthal von
Neuberg, aus welchem die Mürz sich ergießt. Wir verlassen hier die Reichsstraße und den
Hauptstrang der Eisenbahn, die der Kaiserstadt an der Donau zustreben, wir bleiben der
schönen, klaren Mürz getreu, die da noch nicht so glatt und würdig dahinfließt wie
draußen im breiten Thale, sondern rieselt, flüstert und rauscht und über Steine hüpft,
weil sie hier noch die jugendlich muntere Almerin ist. Wenn sie in ihrem unteren Laufe
auch Äschen und Huchen hegt, hier heimt in ihr nur die lose Forelle, die über den braunen,
stellenweise goldig-schimmernden Sand munter gleitet.
Das Thal gegen Neuberg ist enge und hat an beiden Seiten steil aufstrebende,
größtentheils bewaldete Berge. Das Wasser, die Straße und die Neuberger Eisenbahn,
sowie die Dörfer, Einzelgehöfte und Eisenwerke beleben es aber auf die regste Weise.
Wir gelangen zu dem Dorfe Kapellen, wo sich unser Thal in das von Neuberg und
das von Altenberg zweigt. Hier ist die Hochalpenwelt erschlossen, von allen Höhen schauen
die Felszinnen herab, über dem Thale von Altenberg erhebt sich wüst und dränend das
über 2.000 Meter hohe Felsenhalbrund der Rax. Weit steigen die Wälder hinan zwischen
den Karen und Schutthalden, aber endlich kommt das kahle Gewände mit gewaltigen Stein
tafeln, wo „seit Erschaffung der Welt" kein Menschenfuß gestanden, keine Baumwurzel
Boden gefaßt, ja selbst keine Gemse und kein Steinbock gesprungen. Dazwischen allerdings
ziehen sich wieder bequeme Aufstiege für Touristen, trotzdem fordert die Rax fast alljährlich
ihre Menschenopfer, weil so viele Bergsteiger der Ansicht sind, die guten, kostspieligen
Wege auf hohe Berge seien nur dazu gemacht, daß sie umgangen und ihnen zum Trotz die
unwirthlichsten Stellen ausgesucht werden können. Die Rax ist efin Berg, der sich solche
Verhöhnung der Vernunft einmal durchaus nicht gefallen läßt. — Gegenüber der Rax
starren die schattigen Wände der 1.904 Meter hohen Schneealpe, zwischen diesem Berg
stock und der Rax senkt sich der Naß-Kamp-Sattel als Übergang in den Naßwald. Von
solcher Gegend heraus kommt die Raxen mit dem Altenbergbach. Der Bäche fließen in
diesen Bergen so viele in die Mürz, daß man sich über die bescheidene Mächtigkeit unseres
Flusses wundert; er ist aber tiefer und stärker, als es auf den ersten Blick scheint.