MAK

Full text: Geschichte und Terminologie der alten Spitzen

44 
Etwas derber in den gewählten Zeichnungen und deren Aus 
führung stellen sich die Braban^onnes oder wie sie das heimische 
Idiom nennt, die Kanten von Antwerpen, dar. Unter ihnen 
herrschen, etwa von 1600 bis um die Mitte des vorigen Saeculums, 
in Brabant, wie in Holland, mit grosser Vorliebe zum Schmuck 
der Weiberhauben gewählt, die sogenannten Pöttges-Kanten vor, 
von den Nachbarn dentelles de pot ä fleurs geheissen, weil ein 
Blumentopf das immerwiederkehrende, den grossen Tulpenlieb 
habern sympathische Ornament bildete. Dieser Potten-Kant zierte 
das ehrwürdige Haupt alter Mütterchen, wie sie uns etwa Gerard 
Dow bei seinen unausbleiblichen Fenstern malt, sich hinausbiegend 
und den Blumenstock am Gesimse begiessend oder die Grasmücke 
fütternd, die draussen im Bauer ihre Lieder singt. In Antwerpen 
erschien auch ein altes -Musterbuch, das zu den grössten Selten 
heiten gehört. 
Indem wir nun über die nahe Grenze den Schritt nach 
Frankreich hinüberlenken, betreten wir das eigentliche Paradies 
unserer edlen Kunst, wo dieselbe geblüht, wie kaum ein anderer 
Industriezweig, eigentlich reicher und grossartiger als selbst die 
Erscheinungen der grossen Künste. 
Mit jenem unvergleichlichen Sinne für die heilsame Vereinigung 
des Schönen mit dem Nützlichen, des praktisch Verwerthbaren und 
des Idealwürdigen, welcher dem Verstand und dem Geschmack 
der Nation in allen ihren Aeusserungen seit allen Zeiten soviel 
Ehre gemacht hat, wusste der künstlerisch an und für sich nicht 
positiv angelegte Franzose stets sein grosses Talent dahin zu be 
weisen, dass er die Einzelleistungen aller Völker aufnimmt und 
in Formen zu bringen weiss, wodurch sie schliesslich ein Gut 
der Welt, der ganzen Menschheit zu werden geeignet sind. Ein 
solches Geschick und das daraus entspringende Verfahren ist im 
allgemeinen und höheren Sinne Industrie, man könnte es das 
Münzen des Bohgoldes für den Weltverkehr des Geistes nennen. 
Dieses einzige Geschick ist ein Erbtlieil des Nationalcharakters, 
fühlbar in Allem und Jedem, was Frankreichs KUustlerhände 
hervorgebracht haben, bis auf den heutigen Tag. Wenn wir in 
den Chroniken des Mittelalters davon lesen, dass Stickereien oder 
Gewebe des Landes den Ton in England und Deutschland an-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.