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Etwas derber in den gewählten Zeichnungen und deren Aus
führung stellen sich die Braban^onnes oder wie sie das heimische
Idiom nennt, die Kanten von Antwerpen, dar. Unter ihnen
herrschen, etwa von 1600 bis um die Mitte des vorigen Saeculums,
in Brabant, wie in Holland, mit grosser Vorliebe zum Schmuck
der Weiberhauben gewählt, die sogenannten Pöttges-Kanten vor,
von den Nachbarn dentelles de pot ä fleurs geheissen, weil ein
Blumentopf das immerwiederkehrende, den grossen Tulpenlieb
habern sympathische Ornament bildete. Dieser Potten-Kant zierte
das ehrwürdige Haupt alter Mütterchen, wie sie uns etwa Gerard
Dow bei seinen unausbleiblichen Fenstern malt, sich hinausbiegend
und den Blumenstock am Gesimse begiessend oder die Grasmücke
fütternd, die draussen im Bauer ihre Lieder singt. In Antwerpen
erschien auch ein altes -Musterbuch, das zu den grössten Selten
heiten gehört.
Indem wir nun über die nahe Grenze den Schritt nach
Frankreich hinüberlenken, betreten wir das eigentliche Paradies
unserer edlen Kunst, wo dieselbe geblüht, wie kaum ein anderer
Industriezweig, eigentlich reicher und grossartiger als selbst die
Erscheinungen der grossen Künste.
Mit jenem unvergleichlichen Sinne für die heilsame Vereinigung
des Schönen mit dem Nützlichen, des praktisch Verwerthbaren und
des Idealwürdigen, welcher dem Verstand und dem Geschmack
der Nation in allen ihren Aeusserungen seit allen Zeiten soviel
Ehre gemacht hat, wusste der künstlerisch an und für sich nicht
positiv angelegte Franzose stets sein grosses Talent dahin zu be
weisen, dass er die Einzelleistungen aller Völker aufnimmt und
in Formen zu bringen weiss, wodurch sie schliesslich ein Gut
der Welt, der ganzen Menschheit zu werden geeignet sind. Ein
solches Geschick und das daraus entspringende Verfahren ist im
allgemeinen und höheren Sinne Industrie, man könnte es das
Münzen des Bohgoldes für den Weltverkehr des Geistes nennen.
Dieses einzige Geschick ist ein Erbtlieil des Nationalcharakters,
fühlbar in Allem und Jedem, was Frankreichs KUustlerhände
hervorgebracht haben, bis auf den heutigen Tag. Wenn wir in
den Chroniken des Mittelalters davon lesen, dass Stickereien oder
Gewebe des Landes den Ton in England und Deutschland an-