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italienischen Vorbildern arbeitende französische Nadel bildete;
jedoch, es waren seit dem Erscheinen des zuletztgenannten von
Nyverd eine Reihe französischer Büchlein dieser Art ans Licht ge
treten, welche die bedeutende Vorliebe für Spitzen unter Katharina
von Medici klar beleuchten , wobei es weiters für die Thatsache
des italienischen Einflusses bezeichnend ist, dass die Mehrzahl in
Lyon, einer mit jenem Lande in starkem Verkehr stehenden In
dustriestadt, herausgegeben wurden. Einer der Künstler äussert
auch, dass er in Toulouse geboren sei, in Italien aber seinen
Wohnsitz habe. Im Jahre 1584, also während der Regierung des
prunkfreudigen dritten Heinrich’s, legte sogar der grösste Maler
Frankreichs, Jean Cousin, die Hand an, um das Spitzenmuster
buch des maitre Dominique de Sera, eines Italieners, mit Ent
würfen für points coupes und reseaux zu bereichern. Hiebei ist
es von grösstem Interesse, dass die in dem Werke enthaltenen
Muster des Italieners, welche für lacis oder filets-Ar beiten be
stimmt sind, den bekannten Styl der damaligen italienischen
Spitzen aufweisen, wogegen Cousin’s Entwürfe etwas originelles,
abweichendes im Stylcharakter haben, ein Phänomen, das uns
anzeigt, dass die nationale Richtung dieser Industrie allmälig
sich herauszukrystallisiren beginnt, und in der That hört schon
in kurzem die Abhängigkeit der französischen Spitze von jener
des Südens auf.
Heinrich III. hatte für unseren Modeartikel eine besondere
Vorliebe. Im Jahre 1577 trug er in Blois 4000 Ellen feine
Goldspitzen auf seinen Anzügen. Auch schmückte diesen Herrscher
noch lange der Gekrösekragen, bis er einst von einigen unver
schämten Studenten öffentlich ob dieser Tracht verspottet worden
war. Von da ward sie seltener und wich endlich dem auf die
Achseln herniedergeschlagenen Kragen, dem col rabattu, dann den
gleichfalls umgeschlagenen manchettes ä revers und den dicken
Rosen an den Stiefeln, sowie Strumpfbändern der Herren, zu welch’
mannigfaltigem Putze wir an Porträts der Zeit die wunderschön
sten merli in points coupes verwendet finden. Obwohl diese Mit
theilungen, wie wir uns überzeugen werden, noch bei weitem
nicht die Periode der eigentlichen Blüthe, — um nicht zu sagen,
der Manie im Spitzenwesen Frankreichs vergegenwärtigen, —