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Full text: Geschichte und Terminologie der alten Spitzen

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noch nicht jenen factischen Cultus des Artikels, welchei die 
Zeit Louis XIV. charakterisirt, so machen wir doch schon in 
dieser früheren Epoche die Beobachtung, dass damals bereits der 
Luxus, den man in Frankreich mit Spitzen zu treiben anfing, 
alles überstieg, was andere Länder darin leisteten. Die italienische 
Mode ist dagegen künstlerisch-edel-massvoll, die deutsche ärmlich. 
In Frankreich fing die Spitze an, das tägliche Brod der Toilette, 
aber ein sehr theures zu werden. Kein Theil des Gew r andes, 
Schuhe, Stiefel, Negligee wie Staatskleid, Bett und Tafel, Wiege 
und Sarg, Boss und Wagen — Alles wurde der Spitze unter- 
than, zu Allem musste sie passen, an Alles hing sich ihr krauser 
Schmuck wie ein Parasitengewächs, eine bunte, vielgestaltige 
Schmarotzerpflanze, welche bald die Form, bald die Einzelbildung 
wechselte. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts herrscht durch den 
Einfluss der spaniscli-habsburgischcn Anna, unter Ludwig dem XIII. 
eine Zeitlang die spanische Spitze vor, aber auch 1 ländern, 
die französischen Provinzen und Brüssel erzeugten colossale 
Mengen von Sorten, deren wichtigste wir nach ihrer Technik und 
den Eigenthümlichkeiten des Styls noch werden kennen leinen. 
Selbst ein Engländer, Matthias Mignerak, wirkte durch sein 1605 
in Paris verötfentliches Musterwerk, la pratique de 1 aiguille in- 
dustrieuse, deren Entwürfe er übrigens im Titel: inventions 1 ran- 
gaises nennt, ein. Auf diesem Frontispice versammelt er Diana 
und Pallas, Amoretten, welche spinnen und weben, und die Wappen 
der Medici, da das Buch Marie von Medici gewidmet ist, der 
selben Königin, deren Porträt Rubens mit einem sogenannten 
Fächerkragen gemalt hat, einer collerette nämlich, welche im 
Nacken in Strahlen gebrochen hoch emporsteigt. Mignerak’s Muster, 
zum Theil für Klöppelei berechnet, sind auch figuralen Inhalts, 
wir begegnen Adam und Eva, die heilige Magdalena, den goldenen 
Regen der Danae und andere Bibel- oder Sagenmotive für Nadel- 
und Klöppeltechnik vorgezeichnet. 
Das Erheiterndste an dem ungeheuren Wahnsinn, den Paris, 
in erster Linie aber der Hof selber, mit dem Spitzenputze trieb, 
besteht darin, dass währenddem in Einemfort königliche Ordon 
nanzen bald die points coupes, bald die Goldspitzen, bald aus 
ländische Waare verboten. Das Resultat waren Epigramme und
	        
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