„Die Fabrication der Rocailleperle wurde lange nur in Venedig betrieben, jedoch im Jahre 1887
seitens der Firma Jos. Riedel in Polaun hier eingeführt und wird seither von derselben äusserst
schwunghaft und mit dem in diesem Hause gewohnten Verständnis betrieben, so dass Venedig
eine bedeutende Concurrenz hierdurch erwachsen ist..." (Gablonz 1898, S. 163).
Die Veredlung venezianischer Perlen in Böhmen wird unter anderem durch zeitgenössische
Quellen nachgewiesen. Wenn Schreyer 1793 Schmelzperlen erwähnt,
die in „Meiffersdorf ohnweit Böhmisch=Kamnitz verfertiget“ wurden (Schreyer 1793,
S. 61), so ist daraus nicht ersichtlich, ob diese Perlen dort produziert oder nur raffiniert
wurden; etwas näher geht Schreyer 1799 auf „Schmelzperln“ und „Böhmische
Steiner“ein (Schreyer 1799 S. 308, 309):
„Schmelzperln. Sind theils rund, theils ouvale gläserne durchlöcherte Körner oder Korallen,
womit das Frauenzimmer den Hals, und die Hände ziert, und allenfalls auch zu allerhand Putz
anwendet; sie werden aus Schmelzglas von allerley Farben gemacht. Derley Schmelzperln werden
roher von Venedig gebracht, und erst hier Landes auf der Herrschaft Böhm. Kamnitz in dem
Dorf Meistersdorf geschlieffen, deren jährlich dort ohngefähr vor 26400 fl. im Werth verfertiget
werden“(Schreyer 1799, S. 309).
„Böhmische Steiner“ wurden jährlich im Wert von etwa 20.000 fl. verfertigt (Schreyer
1799, S. 309). Noch im späten 19. Jahrhundert sind venezianische Perlen in Böhmen
weiterverarbeitet worden: die Firma F. A. Hellmich’s Eidam scheint als „Raffinerie
venez. Schmelzperlen ...“(Ackermann o. J., nach 1873, Spalte 177) auf.
TECHNIK
Die venezianischen Strickperlen galten seit jeher als wichtiger Zweig der „kleinen
Glasmacherkunst“:
„Die 2-3 Linien dicke Glasröhrchen wurden vom Perlenmacher vor der Lampe gezogen, sortiert
(mittels eines Eisenblechs mit eingefeilten Schlitzen bestimmter Weite kalibriert) und von einem
Arbeiter mit einem kleinen Hammer auf einem kleinen Amboß mit scharfer Kante in entsprechender
Länge zerteilt. Das Sortieren nach Größe erfolgte in Sieben. In einem Gefäß werden die Löcher
der kleinen Zylinder mit Kohlenpulver ausgefüllt. In weiten eisernen Gefäßen mit flachem
Boden werden die Stückchen erhitzt und umgerührt, bis sich die scharfen Kanten gerundet
haben. Das Abkühlen erfolgt auf eisernen Blechen, das Auffädeln mit leicht gebogenen, aus dünnem
Eisendraht bestehenden Nadeln, die mit feinen Fäden versehen sind. Das Auffädeln der
Perlen - durch Einstechen der Nadeln in die in tiefen Schüsseln befindlichen Perlen - war meist
Frauenarbeit... Die vorstehende Beschreibung verdanke ich einem wohlunterrichteten Frauenzimmer
und ihrem Manne, welche vor nicht langer Zeit eine Reise nach Venedig machten und zu
Murano die ganze Manipulation, so wie sie hier beschrieben ist, mit ansahen“ (Loysel 1818,
S. 303, 306).
In der glastechnischen Fachliteratur und in Enzyklopädien wurde in der Folge immer
wieder auf die venetianischen Stick- und Strickperlen und ihre spezifische Herstellung
eingegangen.
Keeß beschreibt die kleinen „Venetianer Perlen“ und nennt erstmals die 1820
privilegierte Maschine des venezianischen Glasschmelzfabrikanten Pusinich sowie
die neue Methode von Longo zur Abrundung der Glasperlen (Abb. 80, S. 136). Zwei
Gattungen Venetianer Perlen werden - aufgrund ihrer Größe - unterschieden: die
„Collane (Margherite)“ und „Conterie“ (Va, 3, 4 und 5pfündige); „Canelloni“ oder
Glasschmelz sind nach Keeß die geschnittenen, nicht überschmolzenen Glasstifte
(Keeß 2/1823, S. 899-901). Als vorzüglichste Fabriken nennt Keeß in Venedig jene
von „Andreas Pitteri, Joh. Bapt. Gaspari, Ant. Grizzi, Michael Angelo Predesin und
Molinah, in Murano jene von Dal Mistro und Moraria“(sic! recte: wohl „Moravia“). Von
Altmütter werden die „Strick:= oder Stick=Perlen“ als die bekanntesten Venetianer
Perlen bezeichnet und einander gleichgesetzt. Als Hauptfarben nennt der Autor
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