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Full text: Japanischer Farbholzschnitt und Wiener Secession

„Verfall“ bedeuten würde). Diese europäische Dekadenz ist klarerweise eine Ausstrah 
lung der romantischen Gesellschaft, die in keiner Weise die negativen Bedeutungen 
der „Dekadenz“ tragen kann, denn ihre kulturellen Werte sind denen der Romantik in 
keiner Weise unterlegen. Der Sinn der Dekadenz, der diese Kultur der „Untergangs 
stimmung“ bildet, ist etwas ganz anderes als eine „Dekadenz der Romantik“ — ob 
wohl sie sozusagen eine Ausstrahlung dieser Gesellschaftsform ist. 
Aber man muß sich mit Grund fragen, warum eigentlich Richard Strauss in der Kritik 
einen ähnlichen Gemeinplatz für die „Dekadenz der Romantik“ darstellt: warum er, 
mit anderen Worten, zu einem Epizentrum jenes Gemeinplatzes werden konnte (auch 
hier auf die Sphäre der europäischen Musik eingeschränkt). 
Nur wenn man die europäische Untergangsstimmung als Ausstrahlung der romanti 
schen Zivilisation versteht, kann man in ihr die Koexistenz beider Gesellschafts 
formenerkennen; darum ist es geschichtlich nicht sinnvoll, zwischen der Untergangs 
stimmung und der Romantik zu unterscheiden — außer für die schulmäßige Gewohn 
heit der historiographischen Einteilung. Diese Einteilungen sind a priori der Ideen 
geschichte nicht angemessen, weil die geschichtlichen Vorgänge in ihrer Komplexität 
sich nicht auf einfache Schemas zurückführen lassen, wie schon oben gesagt wurde. 
Grenzen wir also die musikalische Kultur des Reiches im 19. und 20. Jahrhundert 
bis zu einem gewissen Zeitpunkt — mit dem Begriff „romantische Periode“ ein, so ist 
alles andere, wie „Dekadenz der Romantik“, eine Willkür, die in jeder Methodologie 
der Kritik bis zum heutigen Tage hartnäckig verwurzelte Unstimmigkeiten erzeugt 
hat. Ein Beweis dieser Tatsache ist, daß in der Geschichte der romantischen Musik 
eines Gelehrten wie Alfred Einstein — eine Arbeit, die sich durch verschiedene Vor 
züge auszeichnet und bis zum heutigen Tage als Gesamtwerk unter allen anderen 
einzig ist — kein Abschnitt Richard Strauss gewidmet wurde; und diese Tatsache 
hängt einfach von der zeitlichen Begrenzung ab, die der Autor in seinem Buch der 
„romantischen Periode“ gesetzt hat (vom Tod Beethovens bis zum Tod Wagners), 
und so nicht nur Strauss, sondern auch Mahler weggelassen hat. (53) So von der 
romantischen Periode ausgeschlossen, verlieren beide die für ihre jeweilige kom 
positorische Form wesentliche sprachliche Eigenart, und hier werden sie, wie Strauss 
nach der willkürlichen Einteilung — 39 Jahre nach dem Tod Mahlers es am eigenen 
Leib erfährt, dem Klischee unterworfen, Exponent und Zentrum der „Dekadenz der 
Romantik“ zu sein. 
Eine Gesellschaft findet jedoch nicht in linearem, Jahr für Jahr fortschreitendem 
Ablauf Gestalt: und deshalb meidet die relative Bedeutung jede Art von schematischer 
Einstufung. Trotz der privilegierten Rolle, die die Musik unter den kulturellen 
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