des Tages verstecken wollen, Schutz bieten. Die langen, schwarzen Nächte, in denen
sich der Mond nicht zeigt, in denen die Sterne Angst haben, sind auch nicht so
schwarz. Die Stille, die in den Wäldern wohnt, ist auch nicht so schwarz. Es gibt
nichts auf der Welt, was so schwarz wäre wie deine Haare. Laß mich deine Haare
berühren.“ (59)
Während das Malerische als ein wesentlicher Charakter der literarischen Dichtkunst
schwer zu definieren ist, wurde die Wagnersche Dramaturgie in verschiedener Weise
in zahlreiche theatralische Formen am Ende des Jahrhunderts übertragen: der „Fall“
Oscar Wilde bildet in gewisser Weise ein Zwischenglied zwischen Wagner und
Joris-Karl Huysmans. Abgesehen von einzelnen stilistischen Werten, auch in der
darstellenden Kunst, greifen am Ende des Jahrhunderts die Wagnerschen Themen
das Malerische durch illustrative Elemente auf, die der Beschreibung des Jugendstils
entsprechen. Gerade in der Zeit der Reflexion über den Wagnerismus, in der Richard
Strauss die Salome komponierte, wurde die Wiener Werkstätte durch den Bankier
Fritz Wärndorfer im Jahre 1903 mit den Werken von Koloman Moser, Josef Hoffmann
und anderen als „Produktive Vereinigung der Handwerkkunst“ gegründet; es wurde
schon vorher erwähnt, wie sich die Wagnersche Formulierung des Gesamtkunstwerks
im handwerklichen, interdisziplinären Programm der Secession ideal repräsentierte.
Darüber hinaus ist die häufige Verwendung der Wagnerschen Themen bei den Mit
arbeitern Klimts in der Secession kein Zufall: zum Beispiel war der farbige Steindruck
„Tristan“ für das Gründerexemplar des 2. Jahrganges des „Ver sacrum“ (1899) von
Wilhelm List, einem der Begründer der Secession, entworfen worden oder die Illu
stration für „Die Nibelungen“, das von dem Wiener Verlag Gerlach & Wiedling
herausgegeben wurde und von Carl Otto Czeschka gezeichnet war, der zwischen
1902 und 1908 Professor an der Kunstgewerbeschule in Wien war (Kat. Nr. 116,
Taf. 98—103).
Bruckner starb im Jahre 1896, ihm folgte im folgenden Jahr Brahms in Wien, die
Verfassung der musikalischen und theatralischen Kultur des Gesamtkunstwerks war
in Umwandlung — und gerade in diese Zeit hinein fällt die Gründung der Secession.
Es bleibt ungeklärt, warum die modernen zeitgenössischen Kritiken darüber schwei
gen, daß die Gruppe der Secession von Anfang an eine tiefere Bindung an die Musik
als an irgendeine andere künstlerische Technik hatte. Dafür haben wir einen Extrem
fall in einem Buch, das dem „habsburgischen Mythos“ gewidmet ist: in ihm wird
nicht einmal die Tatsache erwähnt, daß am Ende des 19. Jahrhunderts die Musik, im
Vergleich zum Wert anderer kultureller Gebiete in der habsburgischen Kultur, die
höchste Stellung einnimmt. (60) In diesem Buch wird zum Beispiel auf eine vermutete
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