(„autre espece de rebut“) ab.
Fehlerhaftes Tafel-, Kaffee- und Teegeschirr („Vaisselle pour la table et pour le cafe et le the
avec defauts“) wurde laut Graesse 1872 3 so gekennzeichnet, daß die Parierstangen der
Schwerter beim ,,Ausschuß" zweifach durchschliffen, bei ,,Brack" dreifach und bei „Un
scheinbar" vierfach durchschliffen wurden.
Es ist mir zwar völlig unbekannt, welche Art von Porzellan Graesse als „englisches Ge
schirr" bezeichnet, doch sind seine Aussagen so eindeutig und bestimmt, daß man sie be
rücksichtigen oder zumindest kennen sollte, auch wenn alle späteren Autoren zu anderen
Deutungen gelangten. Die Quelle für die Erklärungen Graesses ist leider heute noch nicht
bekannt.
In der ersten Auflage des „Graesse" ist diese Art von Porzellanbezeichnung für den Ver
kauf, wie bereits erwähnt, nicht berücksichtigt; in der 11. Auflage (1906 erschienen, bearbei
tet von Jeannicke) erlitt die Exaktheit der 3. Auflage offensichtlich bereits Einbußen. Teilwei
se scheinen die dort angegebenen Erklärungen sogar falsch zu sein, so z.B. wenn die in der
Mitte durchschliffene Schwertermarke als zweite Wahl bezeichnet wird (,,2 d choix"). Als
„Rebut" scheinen dort Schwertermarken mit jeweils zwei Strichen über, unter der Marke
bzw. durch die Marke auf, als „Brac" eine mit drei und eine mit vier Strichen durchschliffe-
nen Marke - auch dies eine Veränderung gegenüber der 3. Auflage.
Zumindest ab der 14. Auflage des „Graesse“ sind diese Zeichen nicht mehr enthalten, um
plötzlich in den neuesten Auflagen, die wir vom „Graesse“ kennen (mir liegt derzeit die 23.
Auflage von 1974 als letzte vor) wieder aufzutauchen, und zwar mit ziemlich einschneidend
geänderter Auslegung hinsichtlich der Bedeutung der eingeschliffenen Striche im Zusam
menhang mit den Schwertermarken.
Die früheste Veröffentlichung der bei Graesse 1974 23 anzutreffenden Deutung ist mir aus
dem Buch von Doenges (1907, S. 203) bekannt, aus dem sie offensichtlich von Rückert
(1966, S. 40) übernommen wurde, auf den anscheinend seinerseits wieder der Bearbeiter
des Graesse 1974 23 zurückgriff.
Diese Erklärung der Schleifstriche lautet folgendermaßen (Doenges 1907, S. 203): „Ein
(mit einem Rädchen, das Glasur und Farbe entfernt) durch die Kreuzungsstelle der Parier
stangen gezogener Strich bedeutet bei unbemaltem Porzellan das fehlerfreie Stück; das Mit
telgut (Ausschuß) wird bezeichnet durch einen Strich an den Knäufen oder den Spitzen der
Schwerter, Brack durch zwei Striche an den Knäufen oder den Spitzen der Schwerter. Bei
bemaltem Porzellan bedeuten zwei Striche durch die Parierstangen der Schwerter den Aus
schuß (sogenannte zweite Wahl), drei Striche den Brack (dritte Wahl), vier Striche die .un
scheinbaren“ Stücke."
Berling (1900 bzw. 1911) kannte diese Deutung nicht; vermutlich waren ihm keine Archiva
lien zu diesem Spezialproblem bekannt, wobei festzustellen ist, daß Berling kaum an so
wichtigen Dokumenten vorbeigegangen wäre. Die Quelle der von Doenges gegebenen Er
läuterungen war mir nicht eruierbar. Vielleicht stützte er sich auf die Ausgabe des „Graes
se", die mir nicht zugänglich war. Bei einem Markenbild scheint mir eine solche nachweisba
re Beziehung Doenges-Graesse möglich: bei der „Graesse"-Ausgabe 1906 14 (S. 187, Nr.
578) ist neben der dreifach durchschliffenen Marke ein Punkt zu finden, der bei Graesse
1872 3 nicht zu sehen ist. Leider waren mir nicht alle Ausgaben des „Graesse" verfügbar, so-
daß ich das erste Vorkommen dieses typischen Punktes (vielleicht sogar nur ein Druckfeh
ler?) nicht herausfinden konnte. Kann es denn sein, daß Doenges bei seiner Deutung der
Schleifstriche den französischen Text der ersten Ausgaben des „Graesse" falsch interpre
tierte?
Die auch bei Rückert abgedruckte und heute allgemein akzeptierte Deutung der Schwerter
marken mit Schleifstrichen durch Doenges wäre auch für mich vollkommen plausibel, besä
ße des Österreichische Museum für angewandte Kunst in Wien nicht eine Henkelschale mit
Untertasse, die die mehrfach durchschliffene Schwertermarke zeigt, die aber mit hoher
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