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Full text: Albrecht Dürer und die Graphik der Reformationszeit

dadurch die Einmaligkeit der Erlösungstat verunklärt wird. In der Anrufung von 
Mittlern oder durch irgendwelche Leistungen um die ewige Seligkeit wird die Ehre 
der Majestät Christi angetastet (24). 
In der dargelegten Christusvorstellung aber verbildlicht Dürer bereits zwanzig Jahre 
vor der Wortfassung durch die Reformatoren deren Gottesvorstellung, wie sie etwa 
in der Predigtliteratur (25) zum Ausdruck kommt. Luther lehnt in der Hauspostille (26) 
in Hinblick auf die Betrachtung des Leidens das tränenreiche Mitempfinden ab, und 
fordert vielmehr die Freude und den Dank für die gespendete Gnade. 
Dieselbe Wendung zum Mannhaften findet sich in Dürers Werk bei seinem Stich 
„Ritter, Tod und Teufel“. Man wollte in dem Reiter, der auch „Reformationsritter“ 
genannt wird, Franz von Sickingen erkennen (27), die Bezeichnung „christlicher Ritter“ 
aber konnte sich für ihn endgültig durchsetzen. Der Ritter, das heißt der Mensch, 
geht unerschrocken, von den finsteren Mächten verfolgt, würdevoll und selbstbewußt 
seinen Weg. Willensbetonte, kraftbewußte und aktive seelische Haltung kennzeichnen 
den Menschentypus dieser vorreformatorischen Kunst, ein Ideal, das später in der 
Vorstellung der Reformation von der Würde des Menschen übernommen wird. 
Neben der neuen Auffassung von Christus und dem Menschen bringt Dürer aber 
auch eine neue Auffassung Mariens. Entsprechend den klärenden und reinigenden 
Tendenzen wird das Marienbild ebenfalls aus sentimentalen Zusammenhängen gelöst. 
Es wird Maria eine neue Stellung in der Würde ihrer Gottesmutterschaft zuge 
wiesen (28). Diese Mutterschaft Mariens steht auch dann im Vordergrund der Bild 
gestaltung, wenn sie wie auf zahlreichen Holzschnitten, die zwischen 1518 und 1521 
entstanden, im Zusammenhang eines Andachtsbildes von Engeln gekrönt wird. 
In Luthers Mariologie steht ebenfalls die Würde Mariens als Gottesmutter — Theo- 
tokos an erster Stelle (29). An der Wahrheit von der Würde Mariens als der jung 
fräulichen Gottesgebärerin, an der Überzeugung von ihrer immerwährenden Jung 
fräulichkeit, an ihrer Ausnahmestellung vor allen Menschen hielt Luther sein ganzes 
Leben fest, sie ist nach Luther für alle Christen das höchste Vorbild des Glaubens (30). 
In diesem Sinn war Luther auch durchaus positiv zur Darstellung Mariens im Bild 
eingestellt (31). Für das Werk Dürers aber ist bemerkenswert, daß seine bildliche 
Fassung des Gedankenkomplexes wiederum vor der Wortfassung durch Luther steht. 
Bewußt und auch innerhalb der zeitlichen Abfolge reformatorisch sind lediglich 
einige graphische Blätter Dürers zwischen 1521 und 1523, unter denen vor allem die 
Federzeichnung mit der Darstellung Christi am Ölberg von 1521 und das in Zeichnung 
und Holzschnitt vorliegende Blatt des Abendmahles von 1523 hervorzuheben ist. 
Hier ist die höchste Stufe der erstrebten Klarheit zufolge der Reduktion der 
Komposition und der durch ihren Gehalt bestimmten Darstellung erreicht und damit 
ein rein „evangelischer“ Stil gefunden. 
Dürers Verhältnis zu Luther beruht auf tiefer geistiger Verwandtschaft. Er war zu 
sehr Humanist und Gelehrter, als daß sich seine Beziehungen zur Reformation hätten 
in billigen Propagandazeichnungen äußern können. Es war ihm neben dem Streben 
nach Klarheit und Einfachheit ein die ganze Persönlichkeit erfüllendes Verlangen 
nach Wahrheit in allen Dingen des Lebens und Glaubens gegeben. Dieses Sehnen 
und Verlangen sah er offenbar in Martin Luthers Schriften gelöst und formuliert. 
Auffallend aber innerhalb der Entwicklung von Dürers graphischem Werk ist eine 
kurze Periode während der Zeit um 1500 bis 1501, da der Künstler den Inhalt seiner 
Blätter rein spekulativ und schwer lesbar gestaltet. Neben der Darstellung der 
„Verehrung Mariens im Himmel“ aus dem Marienleben gehört in diesem Zusammen 
hang vor allem eine Federzeichnung aus dem Musee du Rennes, die Thausing (32) 
als das „Treiben der bösen Geister in der Kirche“ bezeichnet. 
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