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Full text: Albrecht Dürer und die Graphik der Reformationszeit

als Reformator, interessiert an der Verbreitung seiner Gedanken, nutzbar machen 
konnte. Während er bis etwa zu Beginn der zwanziger Jahre des Jahrhunderts 
eher neutral der Kunst gegenüberstand, beginnt er ab da bewußt das Bild in den 
Dienst seiner Sache zu stellen. Zunächst betont Luther in den Predigten gegen 
die Bilderstürmer 1522, daß die Bilder lediglich als Gegenstände der Anbetung 
zu verwerfen wären. Die Berufung auf das zweite Gebot des Dekaloges lehnte er 
radikal ab unter dem Hinweis, daß Moses selbst die eherne Schlange habe anfertigen 
lassen und diese ja auch ein Bild sei, so daß durch die Stelle im Exodus 20 nicht 
das Machen, sondern nur das Anbeten eines Bildes verboten worden wäre (36). 
Später erkennt Luther den pädagogischen Wert des Bildes im Dienste seiner Ideen, 
zu deren Veranschaulichung ihm vor allem Holzschnitt und Buchillustration geeignet 
erscheinen (37). 
Ob Luther die Illustrationen der ersten Teilausgaben seiner Bibelübersetzung ab 1522 
bereits beeinflußt hat, ist nicht feststellbar. Jedenfalls aber gab er zu den Entwürfen 
der ersten gesamten Bibelausgabe von 1534 eigene Anweisungen; 1529 veröffentlicht 
er in seiner Vorrede zum Passionsbüchlein ein großzügiges und positives Programm 
zum Einsatz der Bilder (38). 
Luther hatte offenbar hinsichtlich der Auffassung bei Darstellungen religiösen Inhaltes 
eine ganz bestimmte Vorstellung. So stellt er 1521 zur Gestaltung des Marienbildes 
fest, es müsse hier vor allem das Wirken des Göttlichen im Unscheinbaren, im 
Schlichten, in der Kleinheit, Menschlichkeit und Demut Mariens dargestellt werden. 
Es müsse gezeigt werden, wie die göttliche Gnade einen unwürdigen Menschen 
erhoben hat, denn in der menschlichen Schwachheit und Kleinheit würde sich Gottes 
Größe und Kraft am deutlichsten äußern (39). 
Damit aber sind bereits alle wesentlichen Punkte der Aufgaben von Darstellungen 
im Dienste der Lehre Luthers, deren Mitte das „solus Deus, solus Christus, sola 
scriptura“ (40) einnimmt, fest Umrissen. Christus und die von ihm ausgehende 
Gnade bestimmen im wesentlichen die Bildgestaltung, die Luthers Anweisungen ent 
spricht und deren Sinn letztlich immer wieder in der Gnadentheologie des Reformators 
zu suchen ist. Die Gnadenlehre im Sinn des Augustinus soll die Rechtfertigung des 
Menschen durch den Glauben und nicht durch Verrichtung und Erwerb von guten 
Werken betonen. Die biblische Grundlage für die neue Erkenntnis der Situation 
des Menschen bieten Luther vor allem Paulus und Johannes, deren beider Schriften 
innerhalb der Reformation größte Bedeutung erlangten. 
So steht das erste Kapitel Johannes, vor allem Absatz 16 und 17, im Zentrum reforma- 
torischer Auslegungen. Johannes schreibt: „Und von seiner Fülle haben wir alle 
genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade 
und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden.“ 
Luther interpretiert dazu 1537: „Siehe Mensch deine Sünde hätte nach dem Gesetz 
und Recht auf dir liegen sollen; aber das Lamm, das ich dir zeig, das trägt aus 
Gnaden deine Sünden; . . . darumb wisse, daß du deine Sünden nicht tragest denn 
da wärest du verloren, das Gesetz tötet dich; sondern siehe dahin, daß Gott die Sünde 
hat von dir genommen, und auf das Lämmlein gelegt, daß du nicht um deinet- 
sondern um seinetwillen selig seiest.“ (41). 
Paulus spricht im fünften Kapitel seiner Römerbriefe von den herrlichen Früchten 
der Gerechtigkeit aus dem Glauben. Wie Sünde und Tod durch Adam, so kommt 
Gerechtigkeit und Leben durch Christus. Im siebenten Kapitel meint er, den Gedanken 
fortführend: „Nun aber sind wir vom Gesetz los und ihm abgestorben, das uns 
gefangenhielt, also daß wir dienen sollen im neuen Wesen des Geistes und nicht im 
alten Wesen des Buchstabens.“ (42). 
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