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Full text: Albrecht Dürer und die Graphik der Reformationszeit

In seiner Predigt aber über den ersten Korintherbrief (43) von 1532 definiert Luther 
die Situation des Menschen endgültig. „. . . derhalben weist Johannes (der Täufer) 
seinen Jüngern dieses Lamb und spricht: Willst du wissen wo da sind die Sünden der 
Welt hingelegt, daß sie vergeben würden? Siehe nicht auf das Gesetz Mosi noch laufe 
sonst zum Teufel; denn da wirst du die Sünde finden, dafür du erschrecket und ver 
dammet wirst. Aber willst du wissen und finden ein Ort, da die Sünde der Welt 
getödtet und weggenommen worden ist, so siehe an das Kreuz, und auf den Rücken 
dieses Lambs hat der Herr all unsere Sünde gelegt. . . Gleichwie wir jetzt im Glauben 
also leben sollen, als ob keine Sünde, kein Gesetz, kein Fleisch und Blut, keine Welt 
und kein Teufel wäre, noch uns schaden könne, weil wir Christum haben; sondern 
sollen ein ganz fein, fröhlich, Gewissen haben, gewiß . . . daß unser Herr Christus 
in uns gewonnen und den Sieg behalten habe.“ (44). 
Am härtesten gegen Moses, den Vertreter des Gesetzes, wendet sich Luther in den 
Tischreden. Er bezeichnet ihn dort als den Meister aller Henker, dem niemand gleich 
ist an Schrecken, Ängsten, Tyrannis und Strafe. Er würde lediglich das Gewissen 
angreifen und damit an der wesentlichen Aussage der Heilsbotschaft vorüber 
gehen (45). 
In Lucas Cranach war Luther der voll bereite Illustrator all dieser Lehren gegeben, 
der aus ihnen zu einer neuen Ikonographie in der Darstellung des Heilsgeschehens 
sowohl im Altarbild als auch im religiösen Holzschnitt fand und zum eigentlichen 
Maler der Wittenberger Reformation wurde. 
Schon um 1510 schuf Cranach mit der Austreibung der Wechsler aus dem Tempel 
ein Altargemälde entschieden vorreformatorischen Inhaltes, das sich gegen den 
Ablaßhandel richtete (46). Während aber Dürer ungefähr zur gleichen Zeit in seinen 
Holzschnitten bereits den geistigen Gehalt des Reformationswerkes, den er voraus 
ahnt, verbildlicht, vermag Cranach nur die offenkundigen Mißstände in der römisch- 
katholischen Kirche vor dem öffentlichen Auftreten des Reformators zu brandmarken. 
Wahrscheinlich ist, daß Cranachs später so enge Freundschaft zu Luther und deren 
beider Verbundenheit zu jener Zeit ihren Ausgang nahm. Dieser Freundschaft und 
der daraus entstandenen engen Zusammenarbeit entsprang wohl der betont illustrative 
Charakter von Cranachs religiösen Bildern, innerhalb derer vier Gruppen unter 
schieden werden können: Zunächst die Gruppe rein propagandistischer Blätter meist 
polemischen Inhaltes, deren künstlerischer Charakter oft gering ist; dann die Holz 
schnittserien zu Buchillustrationen, weiters die Gruppe der Reformatorenporträts in 
Malerei und Graphik und schließlich die der Altarbilder (47), die den Ansprüchen 
protestantischer Kirchen gerecht werden. Die stets illustrative und nach dem vor 
gegebenen Text geordnete Komposition wahrte bei den Buchillustrationen wesentlich 
mehr an künstlerischer Qualität als die der Tafelbilder, bei denen der literarische 
Ausgangspunkt allzusehr im Vordergrund steht. Bezeichnend für diese Einstellung 
ist, daß in Cranachs Werkstatt Altarbilder entstehen konnten, deren Darstellungen 
durch eine solche Vielzahl von hinzu gesetzten Texten erläutert wurden, daß dadurch 
die Komposition des Bildes zerfällt. 
Wiederum wird die große Differenz von Dürers und Cranachs reformatorischer 
Kunst deutlich: formte jener aus der Idee heraus seine Typen, so ist dieser von der 
Bildinterpretation des Wortes beherrscht. Entsprechend Luthers Anliegen steht 
sowohl in der Malerei wie auch in der Graphik das Thema von Sündenfall und Erlösung 
im Zentrum der künstlerischen Gestaltung, wobei die entsprechenden Bibelstellen und 
Lutherinterpretationen einfach im Einzelbildchen und je nach religiöser Bedeutung in 
kleinere oder größere Szenen übertragen werden. In der Ordnung dieser Szenen und 
ihrer typologischen Gegenüberstellung nach der Zeit des Gesetzes und der Zeit der 
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