Der unsignierte Titelholzschnitt ist wohl ob seines engen Zusammenhanges einerseits
mit dem von Hollstein (VI, S. 124, 14) Cranach d. J. zugeschriebenen Holzschnitt
„Das alte und neue Testament“ wie aber auch vor allem mit Entwurfzeichnungen
und Ausführung der Altartafel von Gotha mit dem Thema Sündenfall und Erlösung,
Gesetz und Evangelium des älteren Cranach (Thulin, O.: Cranach-Altäre der
Reformation, Berlin, o. J., S. 126ff.) als Werk des jüngeren Cranach gesichert.
Dieses Titelbild, das dem Leser der Bibel einen Leitfaden zum Verständnis beider
Testamente von Christus her geben soll, wurde in einer Reihe von Bibeldrucken
verwendet, so in der Leipziger Ausgabe bei Wolrab von 1541, dem Novum
Testamentum bei Wolrab, 1543, u. a. Die Bibel Johann Friedrichs, Jena 1543, und
die Zerbster Bibel von 1541 haben entsprechend ihrer prächtigen Ausstattung die
Illustrationen nicht als Holzschnitte, sondern als Miniaturmalereien, wobei, wie
erhaltene Briefe und Zahlungsbelege beweisen, der jüngere Cranach der maßgeblich
Ausführende war (Thulin, S. 139).
In vereinfachter und schematisierter Weise wurde der Holzschnitt auch von Georg
Lemberger und Hans Brosamer nachgeschnitten. (Vgl. Kat. Bibel und Gesangbuch
im Zeitalter der Reformation, Nürnberg 1967, Abb. S. 23, B. 17.)
In den einzelnen Szenen des Titelholzschnittes wird der Versuch einer Darstellung
des reformatorischen Menschenbildes und der reformatorischen Sicht der Bibel
unternommen, wobei das dogmatische Programm wie bei den großen Reformations
altären sicher in Zusammenarbeit des Künstlers mit Luther und den Wittenberger
Theologen entstanden war. Schließlich taucht ja der Holzschnitt auch zum ersten Mal
in der berühmten Ausgabe „aus letzter Hand“, der Wittenberger Bibel von 1541,
auf. In jener Ausgabe also, die die letzte von Luther durchgesehene und verbesserte
Auflage seiner Bibel darstellte.
Der Lebensbaum scheidet mit dem verdorrten linken und dem grünenden rechten
Teil die beiden Wege zum Tod oder zum Leben, deren Bildprogramme primär
nach der Predigt Luthers am Tage Johannes des Täufers nach Lucas, I, 57—80,
Wittenberg 1522 (W. A., 10, III, S. 205ff.), gestaltet wurden: Wörtlich sagt Luther:
„Also ist in dem Gesetz der Tod, in Christo das Leben. Das Gesetz stoßet in die
Hölle und tötet, Christus erhebt in den Himmel und macht lebendig; das Gesetz
macht ein blödes Gewissen, Christus ein seligs, fröhlichs Gewissen. Christus gibt
den Geist, das Gesetz den Buchstaben; das Gesetz beschwert die Gewissen und
gibt die Sünde. Christus erleuchtet das Gewissen und gibt die Gerechtigkeit.“ Links
nun die Darstellung des Gesetzes: Gott auf der Weltkugel, umgeben von Engeln
in Wolken, ist der strenge Richter. Der Mensch lebt als Peccator, als Sünder in
selbstverschuldeter Isolierung, er ist gehetzt und gejagt, so daß er für vorhandene
Zeichen der Rettung, wie die erhöhte Schlange oder die Stimme der Propheten,
kein Verständnis zeigt. Schreckende, dämonische Mächte, Tod und Teufel treiben
den Menschen, gejagt vom Bewußtsein der nicht erfüllten Gebote in des Moses
Tafeln, die dieser ihm, trotz Beschwichtigungsversuchen des Propheten, anklagend
entgegenhält, in die flammende Hölle, in der sich bereits ein Mönch und der Papst
neben weiteren Menschen befinden.
Auf der rechten Seite die Überwindung von Satan und Tod durch die von der
Verkündigung an die Hirten bis zur Auferstehung Christi reichende Linie tröstlicher
Verheißungen von Freude und Leben. Die Veranschaulichung des gnädigen, rettenden
Gotteswillens ist durch die Öffnung des Himmels zur Gnadenverkündigung an Maria
gegeben. Das Christkind mit dem Kreuz auf den Schultern versinnbildlicht den Weg
Gottes zu den Menschen, Christus selbst überwindet die bösen Mächte im Menschen.
Johannes der Täufer tritt als Mittler zwischen dem Menschen und Christus, zwischen
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