hunderts, in dem das Bewußtsein, daß eine Epoche ihrem Ende zugeht, bereits gegen
wärtig zu sein scheint, einem Niedergang beiwohnen, der — wie wohl kein anderer —
bereits voll neuer Interessen, komplex und reich an fruchtbaren Keimen ist und in dem sich
bereits ein Weg abzeichnet, der in eine Zukunft führt, welche die Anregungen, die ihr
geboten werden, bis heute nicht voll zu entwickeln wußte.
Eine ruhelose Suche treibt Kalvach inzwischen zu neuen Erfahrungen. Der phantastische
und gleichzeitig satyrische Zyklus der Postkarten der Wiener Werkstätte wird beendet.
Diese Karten erscheinen von einem tragischen und grotesken Gefühl erfüllt: die Ver
formung ist hier nicht Karikatur der Wirklichkeit, sondern ist das Schöne, das im Übergang
von seinem ideellen zu seinem reellen Ausmaß seine Bedeutung umkehrt und so zum
Häßlichen wird. Das Symbol befindet sich daher innerhalb und nicht außerhalb der
Realität.
Von diesen Arbeiten sei die satyrische Nacktheit des „Segens“, neben der präzisen
Voluminosität und der Farbkraft von „Harmonie“ in Erinnerung gebracht sowie die
endlose Reihe der Fabeltiere - so furchtbar wie phantastisch und dennoch immer anmutig
und mit „menschlichen“ Zügen, die sinnliche wie infantile „Leda und der Schwan“.
Wie weit hat die bereits beginnende Krankheit, und wie weit haben die in diesen Zeiten
und diesen Kreisen bereits bekannten Studien Freuds über das Unterbewußtsein diese
Werke beeinflußt? Es scheint wichtig, diese Frage zu beantworten — eine Antwort, die
jedoch nicht leicht zu finden ist.
Zu diesem Zeitpunkt ist auch die Serie der Holzschnitte über den Triester Hafen beinahe
fertiggestellt. Von 1909 bis 1912 besuchte Kalvach die Fachklasse von Adele von Stark für
Emailarbeiten. Die Früchte dieser Studien können 1913 in einer herrlichen Ausstellung, in
der auch Temperaarbeiten und Aquarelle gezeigt werden, in der Galerie Miethke (9)
sowie in den Ausstellungen der Kunstgewerbeschule (10), bewundert werden. Aber nun
beginnt der Geist Kalvachs unter dem Druck der frenetischen Arbeiten bereits der
Krankheit zu erliegen: in vier Jahren hat er Holzschnitte, Aquarelle, Temperaarbeiten,
Plakate, Spielkarten, Postkarten, Email- und Batikarbeiten sowie Veröffentlichungen für
Kinder (mindestens drei Bilderbögen - Vorfahren der „Strips“ - für die Wiener
Werkstätte und ein illustriertes Kinderbuch) hergestellt.
Großes Gewicht muß wohl die beinahe krankhafte Liebe zu seiner Frau gehabt haben. Bis
zu diesem Zeitpunkt wurden aus ihrer Verbindung vier Kinder geboren - eine
Verbindung, die vom Getrennt-Leben, vom ständigen Sich-Wiederfinden und -Verlassen,
von den nicht immer übereinstimmenden Interessen gezeichnet war.
Am 29. Mai 1912 wird Rudolf Kalvach in den Steinhof eingewiesen. Die ärztliche
Diagnose lautet: Schizophrenie.
Aus einem Brief an Alfred Roller, der sich am 13. Juli 1912 über den Gesundheitszustand
seines ehemaligen Schülers erkundigt hatte (11), geht hervor, wie schwer Kalvach von
dieser Krankheit betroffen war und wie problematisch eine Heilung erschien.
In den folgenden Jahren — von 1912 bis 1914 — werden einige seiner Werke,
wahrscheinlich auf Initiative seiner Freunde hin - in Kollektivausstellungen in München,
Dresden, Leipzig und Wien ausgestellt. Kalvach selbst soll den Steinhof erst nach drei
Jahren, im September 1915, verlassen.
Aber Kalvach kann nun wohl nicht mehr derselbe junge, glänzende Künstler von gestern
sein; bei seiner Rückkehr in die Gesellschaft findet er eine gewachsene, veränderte Familie
vor - während seiner Krankheit wurde eine weitere Tochter geboren (im Dezember 1912)
— die ganze Welt und Österreich im besonderen sind durch die umwälzenden
14