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Seltenheiten gehört und das Vieh gewöhnlich auch während des
selten strengen Winters bei Tage auf der Weide bleibt, meist sehr
viel Dünger gewonnen. Die allerdings meist sehr bedeutenden
Grundflächen, welche namentlich in Klein-Asien neben den un
geheueren Weideflächen und Wäldern dem Ackerbau gewidmet
sind, haben durchschnittlich sehr fruchtbaren Boden; bei dem
gänzlichen Mangel von Strassen und anderen Verkehrsmitteln,
an Ackerbau-Maschinen, an Aufmunterung des Landmannes von
Seite der Regierung ist es jedoch erklärlich, dass der Bauer selten
mehr als das für den eigenen Bedarf Nöthige producirt. Nur in
den, in der Nähe von Häfen gelegenen Gegenden dürften sich
vielleicht, wenn eine regelmässige und billige Schiffahrtsverbin
dung besteht, die Conjuncturen für den Landmann so günstig
gestalten, dass er aus seiner Trägheit herausgerissen wird und
auch für den Export arbeitet. Der Feldbau geschieht noch in der
primitivsten Weise und dürfte sich kaum vor der bei uns vor 1000
Jahren gebräuchlichen Art unterscheiden; nur in der Nähe von
Constantinopel existiren einige grössere Besitzungen von Tscliif-
lik’s (namentlich Jalowa bei Brussa), auf welche schon die euro
päischen Verbesserungen und Neuerungen in Anwendung gebracht
wurden; es sind selbst Maschinen versucht worden, aber, wie es
scheint, mit wenig Erfolg, da dieselben grösstentheils nur bei zu
sammenhängenden grossen Feldflächen praktisch sind und die An
schaffungskosten mit dem Gewinne nicht im Verhältnisse stehen.
Da viel Ackerland bei schütterer Bevölkerung vorhanden ist, und
namentlich auch sehr grosse Landgüter-Complexe in Händen von
Einzelnen sind, die oft nicht die nöthigen Capitalien haben, ist
die Bewirthschaftung der grösseren Güter äusserst einfach. Ein
Theil des Ackerlandes wird angebaut und zwar gewöhnlich in
nachstehender Reihenfolge:
Nach der Brache oder den Brachfrüchten, unter welche vor
züglich Tabak und Mais gehören, wird der vergraste Boden auf
gebrochen und dann durch 2 bis 3 Jahre Weizen, Gerste und
Hafer oder Lein angebaut, worauf das Land als Weide so lange
wieder brach liegen bleibt, bis man es wieder für tragfähig ohne
Anwendung von Dünger hält. So wird von einem grösseren Län-
dercomplex gewöhnlich im Jahre nur der fünfte Theil mit allen
Früchten bestellt, während die übrigen 4 Fünftheile des Acker-