386
Eine Hauptursache der Verminderung der Baumwollen-
cultur im Constantinopeler Bezirke ist der Mangel an Communi-
cationen, da die für die Baumwollcultur geeigneten Districte
(Angora, Gewe und Beybazar) so sehr der Strassen und andern
Communicationsmittel entbehren, oder mit so schlechten Stras
sen versehen sind, dass der Transport der Baumwolle zu
einem Hafen oder Handelsplätze (namentlich Smyrna) nur auf
dem Rücken vonKameelen oder Maulthieren erfolgen kann, was
natürlich bedeutende Kosten verursacht, so dass man z. B. von
Angora nach dem nächsten Hafen 1—1 y 2 Piaster per Oka zahlen
musste. Natürlich konnte der Baumwollpflanzer bei solchen
Verhältnissen, nachdem einmal dieser Artikel die aussergewöbn-
lich hohen Preise nach dem Jahre 1865 verlor, in dem Anbau
für den Export seine Rechnung nicht mehr finden, und musste
sich daher auf den blossen einheimischen Verbrauch beschränken.
— Bei einer Anlegung eines guten Strassennetzes im Innern des
Landes, und nach der Vollendung der bereits projectirten Eisen
bahn durch das Innere von Kleinasien ist wol mit Bestimmtheit
zu erwarten, dass dort die Baumwollcultur einen bedeutenden
Aufschwung und ausserordentliche Ausdehnung nehmen werde,
da baufähiges Land imUeberflusse vorhanden, Klima und Boden
beschaffenheit vollkommen entsprechend und der Arbeitslohn
billig ist. Wenn dann auch noch, was wol von Wichtigkeit wäre,
beim Einsammeln der reifen Kapseln und beim Aushülsen der
selben mehr Sorgfalt verwendet und guten Maschinen grössere
Verbreitung verschafft würde, dann würde ohne Zweifel Klein
asien im Baumwollenhandel einen der ersten Plätze einnehmen.
Die Ernte von 1871—1872 in Kleinasien hat quantitativ
nicht den Erwartungen entsprochen, zu welchen sie berechtigt
hatte. Die ausserordentliche Hitze und anhaltende Trockenheit
während der letzten Sommermonate hat einen grossen Theil der
Kapseln vor der Reife zerstört, nichtsdestoweniger wird nach
den verlässlichsten Schätzungen der Ertrag der diessjährigen
Ernte um 20% höher veranschlagt, als der vorjährige. An
Qualität lässt die heurige Ernte wenig zu wünschen übrig,
besonders da die die hiesige Baumwolle charakterisirende Eigen
schaft der ausserordentlichen Weisse und Reinheit, diessmal zur
vollen Geltung kam, indem durch den Mangel an Regen die