Die bedeutendste Arbeit, die aus diesem Streben entstan
den ist, das Volkstheater in Belleville, wird hier zum ersten
Male außerhalb Frankreichs gezeigt. Wie seine Bildnisse we
niger von der äußeren Form des Dargestellten erzählen als
von dem geheimen Leben seiner Seele, so kann man dieses
Gemälde ein Porträt der Volksseele nennen, wie sie sich im
Theater der Pariser Arbeitervorstadt offenbart. Es sind nicht
einzelne Zuschauer, abgesonderte Individuen, sondern es ist
das Volk, die Menge, es sind die Gefühle dieser Menge, die uns
hier offenbart werden.
Außer den Arbeiten, die man als Dokumente der liebe
vollen Häuslichkeit des Malers auffassen kann, hat Carriere eine
Reihe von Bildnissen bedeutender Männer geschaffen, die in
der Kunst des Porträts bleibende Stätte behaupten werden. So
hat er Elysee Reclus, Anatole France, Alphons Daudet, Edmond
de Goncourt, Paul Verlaine, Puvis de Chavannes, Clemenceau,
Rochefort in einer Weise gemalt, die an Rembrandt und an
Velasquez erinnert, die aber trotz dieser Erinnerungen einzig
und allein Carriere angehört.
Carriere hat einst in einem Vortrage seine Kunst selbst
charakterisiert, als er sagte: «Der moderne Künstler muß vor
allem gegen sich selbst wahr sein. Er darf nur ausdrücken,
was er selbst gefühlt hat, er soll beichten, wie sehr er inner
lich seinen Mitmenschen ähnlich ist, anstatt im selbsterheben
den Eigendünkel einer absonderlichen Verschiedenheit nachzu
jagen: diese Beichte wird das wahre Band sein zwischen dem
Künstler und seinen Zeitgenossen, die leben und leiden wie er.»
PARIS
KARL EUGEN SCHMIDT.