St.-Quentin einige achtzig Arbeiten besitzt, nur ganz vorüber
gehend gewesen. Der Pastellist des achtzehnten Jahrhunderts
war zwar ein Meister seiner Kunst, aber Carriere hat kaum
einen einzigen Berührungspunkt mit ihm. Quentin de la Tour
setzt seine Modelle fast immer, wie es heute der Photograph
tut, alle seine Bildnisse posieren, und so frisch und lebendig
sie auch aufgefaßt und wiedergegeben sind, innerlich und see
lisch sagen sie uns gar nichts. Bei Carriere finden wir das di
rekte Gegenteil: niemals eine Spur von studierter Pose, nicht
das geringste Bestreben, rein äußerlich dem Auge des Be
schauers oder des Bestellers zu gefallen, stets die Durchfor
schung und Wiedergabe des geheimsten Seelenlebens als erste
und einzige Aufgabe.
Nein, man kann keinen Meister nennen, in dessen Fuß
stapfen Carriere getreten wäre. Obgleich er, wie gesagt, eini
gen Kunstunterricht in St.-Quentin erhielt und später die Pa
riser Kunstschule besuchte, wo er sich als Schüler Cabanels (!)
mehrere Male ohne Erfolg an der Konkurrenz um den Rompreis
beteiligte, ist er doch schließlich im besten Sinne des Wortes
ein self-taught man, der fast alles, was er uns gegeben, sich
selbst verdankt. Wie er den seelischen Inhalt seiner Gemälde
in sich selbst fand, so gab ihm seine nächste Umgebung, der
enge Kreis seiner Häuslichkeit, nicht nur seine Modelle, son
dern auch seine technische Eigenart, deren graue Schleier seine
Bilder schon von weitem kenntlich machen.
Schon in der Zeit der Not und des Kampfes hatte er seine
Lebensgefährtin heimgeführt, hatte er seine ersten Vaterfreu
den erlebt. Daß er dann immer wieder seine Frau und seine
Kinder malte, hatte seinen Grund anfänglich nicht nur in der
Liebe des Gatten und des Vaters, sondern viel prosaischer in