162
Verdienst Falke’s, dessen Urtheil über den Uebelstand, ausge
sprochen in zahlreichen Vorträgen und Schriften, durch Scherz
und Ernst schliesslich eine Bresche in die scheinbar unbezwing
bare Mauer von Sophapolstern mit Schäfergruppen und Reise
taschen mit gestickten Katern geschossen hat. Seitdem sah man
ab und zu in den Wiener Ausstellungen, vorzugsweise im Saal
der modernen Objecte im Museum den Naturalismus der Nadel
weniger brutal auftreten, die stylistische Behandlung ihrer Auf
gabe aber allmälig in behutsamer Weise die ersten grünen
Spitzen durch die Schneedecke durchbrechen. Eine Verbündete
der richtigen Theorie auf dem noch wichtigeren Felde der Praxis
war dabei und eigentlich schon seit Bestand des Museums die
ausgezeichnete k. k. Kammerstickerin Frl. Therese Mirani in
Wien, welche jeden neuen Schritt und Versuch jener Anstalt mit
der Ausführung begleitete, erläuterte und seine Lebensfähigkeit
praktisch bewies, sobald es sich um die Hebung ihres Special
faches handelte. Schülerinnen schlossen sich ihr an und hie
und da kam auch sonst schon Vernünftigeres, ja bisweilen selbst
Schönes aus Dilettantenkreisen zu Tage, so dass ein naives
Gemtith sich beinahe schon angenehmen Erwartungen hätte
hingeben können.
Da kam die Ausstellung der Frauenarbeiten, welche in
der Weltausstellung 1873 ein besonderer Pavillon geöffnet
wurde. Sie trug die Trümmer der geträumten schönen Welt in’s
Nichts hinüber, wenigstens für diejenigen, welche nicht bloss das
was admittirt, sondern auch was refusirt wurde, zu schauen Ge
legenheiten hatte. Die Dilettantenwelt gab sich hier unverhüllt
in ihrer ganzen Natürlichkeit und zeigte, wie sehr die besseren
Leistungen noch zu den albae aves zu rechnen seien! Styl und
Technik, Zeichnung und Farbenwahl, Stoffwahl, Gedanke, Aus
stattung, Ornament, — Alles kreiste noch in einem wirren Chaos,
ein Ocean der Laune und Confusion, der nur selten die Perle
des richtigen Geschmackes auswerfen wollte. Das waren die
Geheimnisse des Hauses, des Stickrahmens und der Nadel, sie