Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Das österreichische Bauwesen

heit  in  die  Tat  umgesetzt.  Trotz  der  fast  unüberwindlich ­
  scheinenden,  technischen  Schwierigkeiten
gelang  es  der  rastlosen  Tätigkeit  der  Ingenieure
—  insbesonders  dem  Planersteller  und  bewährten
techn.  Leiter  Ing.  Ferdinand  v.  Kleiner  in  Innsbruck ­
  —,  dem  grollenden  Bergriesen  mit  Hilfe
berggewolmter,  einheimischer  Arbeiter  Schritt  für
Schritt  Land  abzuringen,  um  die  erforderlichen,Fundamente ­
  für  die  zum  Tragen  der  Tragseile  nötigen
Eisengerüste,  sechs  an  der  Zahl,  zu  erstellen  und
ungeachtet  der  Winterkälte,  sowie  der  wütenden
Schneestürme,  in  der  imponierenden  Höhe  von
2800  m  die  Vorbereitungen  für  den  Bau  der  Bergstation ­
  zu  treffen.  Nachdem  in  diesen  Höhen  der
niedrigen  Temperaturen  wegen  das  Arbeiten  nur  in
wind-  und  wettergeschützten  Räumen  möglich  ist,
mußte  der  ganze  Bau  der  Bergstation  in  einem
provisorischen  Holzbau  vor  sich  gehen,  der  —  mit
Koksöfen  geheizt  —  auch  im  Winter  Betonierung  und
sonstige  Arbeiten  gestattete.  Nicht  selten  kam  es
vor,  daß  dieser  Schutzbau  bei  orkanartigen  Stürmen
schwer  Not  litt,  und  nur  dem  zähen  Ausharren  der
braven  Arbeiterschaft  gelang  es,  durch  ständige
Erneuerung  der  eisernen  Haltseile,  das  Hinwegfegen
desselben  abzuwenden.  Zur  Versorgung  der  Arbeiter
mit  Lebensmitteln  einerseits  und  der  Baustellen  mit
den  nötigen  Baumaterialien  sowie  mit  Wasser
andererseits  ward  eine  Materialseilbahn  angelegt,
die  im  Tag-  und  Nachtbetrieb  Tausende  von  Tonnen
zu  den  einzelnen  Baustellen  brachte.  Nach  glücklich
beendeter  Bauarbeit  begann  die  Montage  der  imposanten ­
  Eisengerüste  für  die  Stützen,  von  denen  die
größte  32  m  Höhe  und  ein  Gewicht  von  20.000  kg
hat  und  die  in  Einzelteilen  durch  die  Hilfsbahn  stückweise ­
  in  schwindelnde  Höhe  gebracht  werden
mußten.  Nachdem  auch  diese  Arbeiten  glücklich  beendet ­
  waren,  begann  erst  die  schwierigste  Arbeit,
das  Hochziehen  der  40.000  kg  schweren  Tragseile.
Schon  das  Zubringen  dieser  auf  hölzernen  Trommeln ­
  von  3  m  Höhe  und  6  m  Länge  aufgehaspelten
Seile  von  der  Eisenbahnstation  zur  Talstation  erforderte ­
  tagelange,  mühselige  Arbeit  und  konnte  nur,
unter  Zuhilfenahme  von  schweren  Flaschenzügen
und  Autos  als  Zugorgan,  auf  massiven  Holzschlitten
und  untergelegten  Rollen  bewerkstelligt  werden.
Durch  12  Winden  von  je  5  Tonnen  Zugkraft,  die  an
geeigneten  Punkten  im  Felsen  verankert  waren,
wurde  das  Aufziehen  der  Seile  stückweise  vollbracht, ­
  die  sodann  mit  ihren  Enden  in  der  Bergstation ­
  in  einem  im  Felsen  eingesprengten  Stollen
verankert  wurden,  während  sie  in  der  Talstation
durch  Belasten  mit  24.000  kg  schweren  Betonblöcken ­
  die  richtige  Spannung  erhielten,  um  nunmehr ­
  als  Laufbahn  für  die  beiden  Wagen  von
2500  kg  Gesamtgewicht  zu  dienen.  Eine  sinnreich
durchgearbeitete  Antriebsmaschine  in  der  Talstation,
die  von  65  PS  Elektromotoren  in  Lauf  gehalten  wird,
bewegt  durch  ein  endloses  Zugseil  die  beiden
Kabinen,  von  denen  jeweils  eine  zu  Berg,  eine  zu
Tal  gleitet  und  je  20  Fahrgäste  faßt.  Jede  der  beiden
Kabinen  ist  zur  Ausschaltung  jeglicher  Gefahr  für

die  Fahrgäste  mit  einer  automatischen  Fangvorrichtung, ­
  welche  beim  etwaigen  Reißen  eines  Zugseiles
die  Wagen  an  das  Tragseil  festklemmt,  ausgerüstet
und  überdies  mit  Telephon  versehen,  so  daß  eine
ständige  Verbindung  mit  den  oft  über  100  m  Höhe
über  dem  Boden  schwebenden  Fahrgästen  und  den
beiden  Stationen  besteht.  Nach  nur  L'/ajähriger
intensivster,  ununterbrochener  Arbeit  war  die  Bahn
so  weit,  daß  sie  am  5.  Juli  1926  dem  öffentlichen
Verkehr  übergeben  w,erden  konnte.  Daß  die  Bahn
ein  Bedürfnis  für  die  bergbegeisterte  Menschheit
war,  beweisen  die  250.000  Fahrgäste,  welche  dieselbe ­
  seit  ihrem  Bestehen  benützten  und  denen  sonst
nie  in  ihrem  Leben  Gelegenheit  geboten  gewesen
wäre,  von  den  schwer  zugänglichen,  wilden  Höhen
aus  einen  Blick  zu  tun  in  das  Märchenreich  der
Königin  „Zugspitze“  und  ihrer  zahllosen  mächtigen
Trabanten.  Soweit  das  Auge  sieht,  reiht  sich  im
wirren  Durcheinander,  aber  dennoch  zu  einem  harmonischen ­
  Ganzen  gefügt,  Kuppel  an  Kuppel,  Felsmassiv ­
  an  Felsmassiv  bis  zur  grauen  Ätherferne  und
es  scheint,  als  wäre  die  Zugspitze  das  gewaltige
Tor  für  eine  überirdische  Sagenwelt.  Befangen  von
der  suggestiven  Macht  der  stummen  Berge,  kommt
es  einem  so  recht  zum  Bewußtsein,  wie  schön  die
deutsche  Erde  ist  und  welche  Pracht  und  Romantik
besonders  den  Tiroler  Alpen  innewohnt.
Gleichgültig,  ob  man  mit  der  kühngeführten
Karwendelbahn  (über  Innsbruck  oder  über  München),
ob  mit  dem  Autobus  über  die  wald-  und  seenreichen
Pässe  das  Gebiet  der  Zugspitze  besucht,  man  wird
von  der  einzigartigen  Naturbuntheit  dieses  bezaubernden ­
  Erdstriches  immer  wieder  aufs  neue  gefesselt. ­
  Bei  jeder  Bahn-  und  Straßenkurve  eröffnet
sich  ein  anderes,  wandelbares  Bild  voll  hehrer
Schönheit.
Die  Karwendelbahnstation  Ehrwald,  das  Zugspitzdorf, ­
  ist  der  Ausgangspunkt  zur  Talstation
Obermoos  mit  der  imposanten  Seilbahnanlage,
wohin  Kursautobusse  den  Verkehr  vermitteln.  (Fahrpreis ­
  S  1.—.)  Das  moderne  Talhotel  mit  Garagen,
Box,  eigenem  Post-,  Telegraphen-  und  Telephonamt, ­
  sowie  das  einer  Felsenburg  gleichende  Bergstation-Hotel
  mit  Zentralheizung  und  sauberen
Schlafkabinen  sorgen  für  das  Wohl  des  Gastes.  Von
der  Bergstation  führt  ein  gesicherter  Steig  zum
nahen,  bis  in  den  Frühsommer  für  Skifahrten  benützbaren ­
  „Plattferner“,  während  für  den  weiteren  Aufstieg ­
  zum  „Münchnerhaus“  für  allzu  ängstliche  Gemüter ­
  Bergführer  zur  Verfügung  stehen.  Der  Betrieb
auf  derZugspitzbahn  wird  ganzjährigaufrechterhalten
und  beträgt  der  Fahrpreis  nur  S  20.—  hin  und
zurück.
Die  Zugspitzbahn  ist  wohl  eines  der  gewaltigsten ­
  Bauwerke  überhaupt  und  es  gebührt  ihr  der
Ruhm,  Pionierin  zahlreicher  moderner  Seilbahnanlagen ­
  in  den  österreichischen  Alpen  zu  sein  und
dadurch  den  für  unser  Vaterland  so  lebensnotwendig
gewordenen  Fremdenverkehr  einen  mächtigen  Ansporn ­
  gegeben  zu  haben.

156
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.