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Full text: Liz Larner, I thought I saw a pussycat

Fressen, Sehen und Gesehenwerden 
Terry R. Myers 
Eine meiner Lieblingszeilen von Jasper Johns ist ..'Sehen' ist und ist nicht 'Fressen' und 
'Gefressenwerden'". Ich sehe mir die Arbeiten Liz Larners an und sage: ..'FRESSEN' IST UND 
IST NICHT SEHEN UND GESEHENWERDEN'“. Vielleicht trifft meine Umformulierung eher 
den Punkt, wenn es um Skulpturen und deren angebliche (maskuline) Wirklichkeit geht - und 
das nicht nur deshalb, weil in Cartoons kein Opfer je wirklich auf Kosten eines sogenannten 
Raubtiers seine Form „verliert [oder umgekehrt). In ihrer Welt wird es weder einen Donald 
Judd noch irgendeinen seiner „spezifischen Objekte geben, gegen die man kämpfen oder die 
man über den Kopf bekommen könnte. Die wichtigsten Skulpturen seit dem Minimalismus 
(oder Postminimalismus) 
wurden von jenen geschaffen, 
die den Übergang zur „wirkli 
chen" Welt und das Befrei 
ungsversprechen der Jahre 
nach 1968 und/oder post- 
strukturalistischer Verfahren 
im Auge behalten haben: Auch Larner hat sich ganz gezielt der Falle falscher Vergegen- 
ständlichung und der fragwürdigen Voraussetzungen entzogen, daß Sehen stets eine 
Aneignung sei. 
•JE, 
Larners Werk wirft 
folgende Frage auf: Wenn die Johnssche Sichtbarkeit des „Sehens" so eindeutig 
(natürlich?) als in Beziehung (oder im Gegensatz: „ist und ist nicht") zu etwas so Kör 
perlichem, Mechanischem und Nichtvisuellem wie dem Fressen begriffen wird, kann 
dann die Körperlichkeit des „Fressens , die viele ihrer Skulpturen (nicht nur ihr 
bekannter Corner Basher) thematisieren, etwas so Abwesendes, Nichtintentionales 
und Illusorisches wie das „Sehen verdrängen? Anders gesagt: Wenn das, was man 
sieht oder - was entscheidender ist - zu sehen glaubt, ein TATSÄCHLICHES Moment 
des Gegenstandes ist, können wir dann dem Da-Sein des Skulpturellen Gegenstandes 
noch Vertrauen schenken, sprich: es begrenzen? 
Die Antwort lautet natürlich: ja und nein. Larners ineinander verschlungene blaue und 
gelbe Tropfenketten türmen sich in einem Raum auf, der - im Vertrauen auf ihren 
Zusammenhalt, ihr Dazwischensein, ihre Fähigkeit, woanders etwas anzudeuten, während sie in dem Raum, indem sie sich gerade befinden, (farbige) 
Schatten werfen - die notwendigen und hinreichenden Bedingungen ihrer 
interstitiellen „Integrität" formuliert. Die Rolle der Farbe als Bindeglied zwi 
schen dieser Anhäufung von Bindegliedern, dem Raum und uns ist in ihrer (von 
Licht erfüllten, pulsierenden) Essenz/Substanz gesellschaftlich, ein „Ort" der 
immerwährenden Aktivität und des Gebrauchswerts, der ebensosehr durch 
das, was er ist und nicht ist, wie durch das, was wir in ihm sehen, definiert wird. 
1997 habe ich in einem Artikel geschrieben, daß Larners Arbeit davon ausgeht, 
daß man Strukturen mißbraucht, wenn man sie so beläßt, wie man sie vorfin 
det. Ich bin heute mehr denn je von der radikalen Entschlossenheit ihrer Positi 
on überzeugt. Indem sich Liz Larner in einer Zeit, in der sich vorgebliche 
..Schwerpunktsetzungen" mehr und mehr als Unterdrückung erweisen, dem 
Raum zwischen den Dingen zuwendet, erinnert sie daran, daß etwas, was einen 
zu etwas 
anderem führt, der Definition (der Moderne) zufolge der Gegenwart des gerade ent 
wickelten und sich weiter entwickelnden Gegenstandes selbst keinen Abbruch tut. 
Indem Larner andeutet, daß ihre hybride Skulptur letztlich nicht „gefressen" werden 
kann, weil ein Teil davon tatsächlich und immer in unser Sehen fällt (auch in diesem 
Fall läßt sich die Beziehung umdrehen, bedeutet doch „sehen" in diesem Kontext weni 
ger „ansehen" als vielmehr „mit ihren Augen sehen"), führt sie vor, was wirkliche 
Gegenwart ist - wenn Vergegenständlichung wechselseitig und befreiend sein und 
Selbstbestimmung als Entsprechung Bestand haben kann, wenn Ideen im freien Aus 
tausch zustande kommen (können). 
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