Jump Sculpture
Giovanni Intra
Skulptur als Ansammlung von Teilchen, die einen Augenblick lang an
einem bestimmten Punkt innehalten und sich gleich wieder voneinan
der lösen, als schwirrende, einem Vogelschwarm gleichende Form, die
zwischen verschiedenen Dimensionen, Eigenschaften, Farben und
Gewichten changiert. Skulptur, die nicht stillhält, wie man es ihr befoh
len hat, sondern sich buchstäblich durch Zeit und Raum bewegt.
Sich Skulptur als einen Schwarm vorzustellen, als etwas, was man
nicht wirklich messen, nicht ganz sehen kann, was sich dem bloßen
Auge gleichermaßen entzieht wie den exakten Wissenschaften der
Wahrnehmung, ist das genaue Gegenteil davon, Skulptur als ein Objekt
zu denken, das - mit dem Auftrag, Geschichte zu entschlüsseln - in
einem Park steht und etwas erzählt. Dieser Skulpturbegriff kontrastiert
mit der Vorstellung, daß Skulptur gelesen werden kann im Sinne einer
darstellenden Skulptur, als langsamer Kern alles anderen, als „schlau
es Objekt“, als Mittel gegen das kapitalistische Fieber, als „Ready-
made“, als Konstrukt aus Abfällen, usw. Diese Gedanken schiebt man
am besten beiseite und stellt sich Skulptur als ununterbrochene Aus
wärtsbewegung vor, als etwas, was springt, was vielfache Gleichzeitig
keiten aufweist, als Ausgeburt der Phantasie, die zufällig auch ein
versteckter Gegenstand ist, den man direkt vor der Nase hat.
Skulptur - das ist doch eine ernste Sache, ein echtes „Problem“, oder?
Jump Sculptures sind psychedelische, flüchtige, gemusterte Kreaturen,
die zum Rasen tendieren. Da Bewegung und Illusion die sie kennzeich
nenden Merkmale sind, erinnern diese Geschöpfe an andere knallig
beleuchtete, halbmaterielle Formen wie Kino oder Hypertext. Sie müs
sen nicht unbedingt schwer sein. Sie könnten auch nur aus Licht beste
hen, aus einer Mischung von Teilchen und Wellen zusammengebraut
sein. Tatsächlich sind sie jedoch eher Industrieabfällen verwandt, die
man durch ein Supermikroskop betrachtet, das ihnen ein Maximum an
materieller Komplexität verleiht und sie ultradicht macht. Jump Sculp
tures stehen im Gegensatz zur linearen Zeit und zum schäbigen Fort
gang einer Erzählung und sind reine und schimmernde Orchestrierun
gen von „Stofflichkeit“, sichtbare Manifestationen einer Art Ehrfurcht,
die auf eine allem Anschein nach der Vernunft verpflichtete Weise Raum
einnehmen, sich aber gegen das Auge bewegen. Es sind glitzernde
ernsthafte Dinge.
Paradoxe Fassungen von Skulptur - Skulpturen, welche die Gesetze der
Materie einer Überprüfung unterziehen - sind nichts Neues. Rodin
wollte wie schon vor ihm die Griechen Materialien wie Bronze und Stein
wie Körper vibrieren lassen und trat für eine illusionistische, ja kineti
sche Form der Skulptur ein - eine wahrhaft merkwürdige Idee.
Während er jedoch seine Skulpturen als Übergang zwischen verschie
denen Körperhaltungen ansah und von „belebter Bronze" sprach,
bedient sich Liz Larner zur Veranschaulichung des materiellen
Zustands ihrer Skulptur der „Katze“ Schrödingers, einer theoretisch
einleuchtenden, bis dato allerdings nicht beweisbaren Formel der
Quantenphysik, die aussagt, daß sich subatomare Teilchen gleichzeitig
an verschiedenen Orten befinden.
Man hat immer gedacht, daß sich Skulpturen in verschiedene Richtun
gen bewegen. Was geschieht jedoch, wenn Skulptur als Idee, als Objekt
zerfällt und nicht mehr wahrzunehmen ist? Wenn der Schwarm eintrifft,
bricht die Hölle los. Alle sind verwirrt, und niemand weiß, was er sagen
soll oder wie er es sagen soll. Die Materialien beginnen mit sich selbst
einen Dialog zu führen. Was sollten sie auch sonst tun? Sie sind ja nun
sich selbst überlassen. Skulptur springt den pragmatischen, linguisti
schen und anderen Funktionen, mit denen sie verbunden war, weiter
und weiter davon, durchmißt die Gestalt, die Geometrie, die Kritik und
tritt auf der anderen Seite wieder aus und in eine völlige Komplexität
ein. Als Sternschnuppe löst sie sich von der Sprache und läßt die Kunst
geschichte, die Popkultur und alles andere im Staub zurück. Sie taucht
in ein paralleles Universum ein und verschwindet dort. Und wie bei der
Quantenphysik hat jetzt jeder das Problem, sie nicht zu verstehen.
Jump Sculpture
Giovanni Intra
Sculpture as a swarm, a constellation of particles which stop for a
moment in one place only to come apart again, a buzzing shape like a
flock of birds, moving between dimensions, qualities, colors and
weights. Sculpture doesn't sit still - like it was told to - it literally hops
through space and time.
To imagine sculpture as a swarm, something which cannot be adequa-
tely measured, completely seen, which illudes the naked eye as well as
the hard Sciences of perception, is quite the opposite of thinking of
sculpture as an object which Stands in a park telling a story, the cipher
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