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Full text: Liz Larner, I thought I saw a pussycat

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Farbe und Illusion 
Farbe wird immer dann mit Illusion in Verbindung gebracht, wenn sie 
uns als Eigenschaft von Dingen begegnet. Der Himmel ist zwar blau, 
doch ist er auch ungegenständlich, und seine Schwerelosigkeit ent 
spricht der Schwerelosigkeit seiner Farbe. Gewicht, Schwere, Härte und 
Weichheit müssen tatsächlich, symbolisch und institutionell gegeben 
sein, damit Farbe als Illusion empfunden wird. Ein himmelblau bemal 
ter Betonblock vermittelt die Illusion, daß er - durch die ihm hinzuge 
fügte Farbe eines Teils seiner Dinglichkeit beraubt - leichter ist, als er 
tatsächlich ist, und ein Block geschäumten Kunststoffs wirkt schwerer, 
wenn man ihn holzfarben bemalt. Vom Standpunkt der alltäglichen 
Wahrnehmung und Erkenntnis ist der Himmel tatsächlich, was er zu 
sein scheint. Auf Dinge trifft das allerdings nicht zu. Stets gibt es eine 
spekulative Kluft zwischen Gegenständen und ihrer Färbung, weil man 
sie sich in einer anderen Farbe vorstellen kann, und nicht zuletzt 
ändern sie sich, wenn der Himmel sich anders färbt: Als Gegenstände 
bleiben sie unverändert, ihre Oberfläche richtet sich jedoch nach den 
Erscheinungen des Nichtdinglichen und entzieht sich insofern der 
Kontrolle des Gegenstandes, dem sie zugehört. 
Die Philosophie hat Farbe immer mißbilligt. Plato versuchte daran 
festzuhalten, daß Farbe höchstens als Illusion existiert. Er wollte Farbe 
als zufällige Wirkung des Wetters oder - an anderer Stelle - des Schie 
lens verstanden haben, so überzeugt war er davon, daß Wahrheit farb 
los, eine reine Angelegenheit der Form sei. Die Kunst in ihren zutiefst 
klassischen und akademischen Ausprägungen - Leonardo, Le Brun, die 
Konzeptkunst - ist insofern der Philosophie gefolgt, als sie stets die 
Unkontrollierbarkeit der Farbe zu umgehen strebte, indem sie Bedeu 
tung so weit wie möglich auf die farblose Sprache der Zeichnung und 
den damit nahe verwandten Bereich schriftlicher Äußerungen zu 
beschränken versuchte. 
Jacqueline Lichtenstein hat gezeigt, daß Farbe für Plato so störend war, 
weil sie die Dinge aufregend macht. In diesem Sinne leiteten seine 
Überlegungen über die Farbe zur Frage des Schönen über.’ Die Men 
schen, die der Farbe mißtrauen, trauen auch dem Schönen nicht, und 
zwar deshalb, weil sie davor Angst haben, in Versuchung zu geraten, 
Jeremy Gilbert-Rolfe 
den Weg des Wirklichen zu verlassen: Im Kontext zeitgenössischer 
Kunstkritik taucht Farbe fast nie ohne die Beifügung „bloß" auf, die sie 
symbolisch der Herrschaft einer größeren Wahrheit unterordnet. 2 
Aussagen über Farbe scheinen oft mit Aussagen über Schönheit aus 
tauschbar zu sein, und umgekehrt. Santayanas berühmter Satz zum 
Beispiel, daß Schönheit das als Besonderheit eines Gegenstandes 
betrachtete Vergnügen sei, stellt im Hinblick auf meine Behauptung in 
diesem Zusammenhang, daß Farbe eine als Besonderheit eines Gegen 
standes angesehene Illusion sei, sowohl eine Parallele als auch einen 
Präzedenzfall dar. 
Farbe versieht Dinge mit einer Haut - und Haut ist immer ein Aus 
gangspunkt für Assoziationen, für Projektionen, ein fruchtbarer Boden 
für Illusionen. Haut impliziert immer die Vorstellung eines Innen und 
eines Außen, Schwerelosigkeit und Bewegung. Farbe ist nie wirklich 
ident mit ihrem Trägermaterial, weil sie stets Substanz und Phänomen 
in einem ist. Als farbige Substanz verweist sie immer auf eine andere 
Oberfläche als die, die sie als Phänomen zur Schau stellen oder auf 
eine Weise verändern mag, daß sie sich sowohl als Oberfläche wie als 
Phänomen von dem abhebt, dessen Haut sie darstellt - auf eine andere 
Oberfläche als die, die ihr eigenes Nichtgebundensein an Schwere 
schwerelos machen mag, indem sie sie färbt und im Austausch für ihre 
Materialität - die sich dann die Erkenntnis und das Gesetz des Wirkli 
chen wiederherzustellen bemühen - mit Beweglichkeit ausstattet. Die 
Farbe erlaubt der Kunst, sich ihr notwendiges Bemühen um 
Unbestimmtheit zu bewahren. Ohne Unbestimmtheit gibt es kein Verg 
nügen, d. h. kein Spiel und keine Verführung, aber - und das ist für den 
moralischen Betrachter noch wichtiger - auch keine Unmittelbarkeit: 
Begrifflich gesehen schließen Unmittelbarkeit und Gewißheit einander 
nur insofern nicht aus, als Unmittelbarkeit für uns die entscheidende 
Verbindung zur Wahrheit des Wirklichen darstellt. 
1 Vgl. Jacqueline Lichtenstein, „On Platonic Cosmetics“, in: Uncontrollable Beauty, 
hrsg. von Bill Beckley unter Mitarbeit von David Shapiro, New York, 1998, S. 83-100. 
2 Vgl. Jeremy Gilbert-Rolfe, Das Schöne und das Erhabene von heute, Berlin, 1996.
	        
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