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Full text : Entwicklungsgeschichte der Spitze : mit besonderer Rücksicht auf die Spitzen-Sammlung des k. k. österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien

Schwächeren  sich  zum  Schutze  vereinen  oder  daß  ein  Stärkerer  sie
unterwirft.  Am  mächtigsten  ist  die  Konzentration,  wenn  sich  die
Schwachen,  die  sich  aneinanderschließen  müssen,  und  die  Stärksten,
die  andere  angliedern  möchten,  freiwillig  oder  nach  vorhergegangenem
Kampfe  in  ihren  Absichten  finden;  dabei  werden  die  zwischenliegenden ­
  Schichten  zerrieben.  Das  ist  der  Inhalt  der  politischen
Geschichte  des  17.  Jahrhunderts  auf  weiten  Gebieten  Europas;  es  ist
die  Ursache  des  mächtigen  Erstarkens  der  Fürstengewalt.  Die  Sehnsucht
nach  Anschluß  an  stärkere  Gewalten  —  auch  bei  den  Mächtigsten  der  Erde  —
ist  aber  auch  der  Grund  der  wachsenden  kirchlichen  Macht.  Wo  solcher
Geist  nun  zum  Durchbruche  gelangt  war,  gestaltete  er  die  ganze  Kultur  und
damit  auch  die  Kunst  um.  Allerdings  völlig  vernichtet  waren  die  Grundlagen
des  Renaissancegeistes  nicht;  in  den  romanischen  Ländern  und  in  Süddeutschland ­
  wurden  sie  aber  doch  stark  überdeckt  —  am  wenigsten  von
den  romanischen  Ländern  vielleicht  noch  in  dem  verstandeskühleren
Norden  Frankreichs.  x
Aber  auch  abgesehen  von  diesen  großen  Kulturerscheinungen,
welche  natürlich  das  Denken  und  Fühlen  jedes  einzelnen  mächtig  beeinflußten, ­
  wäre  die  Wandlung  bis  zu  einem  gewissen  Grade  sicher
auch  auf  jedem  einzelnen  Gebiete  der  Kultur  allein  vor  sich  gegangen.
Auch  auf  dem  Felde  der  Kunst  selbst  ließ  sich  das  Gleichgewicht  nicht
dauernd  aufrecht  erhalten,  wollte  man  die  Kunst  nicht  einfach  erstarren  lassen.
Die  Nachfolger  Raffaels  versuchten  z.  B.  in  der  Architektur,  wo
der  Einfluß  des  Meisters  größer  war  als  man  gewöhnlich  annimmt,  die
Bauwerke,  wie  die  Villa  Medici  zu  Rom,  in  einen  Strauß  bunter  Blüten
zu  wandeln;  doch  war  dieser  gar  leicht  zu  zerpflücken.  Es  läßt  sich  da
keine  große  Entwicklung  anknüpfen.
Die  Künstler  empfanden  das  früh;  Michel-Angelo  suchte  zuerst
Einheit  und  kräftigen  Aufbau  durch  Unterdrückung  und  Vergewaltigung
der  Einzelteile  zu  erreichen.  Selbst  Palladio,  den  man  in  vieler  Beziehung
mit  Recht  als  Antipoden  Michel-Angelos  bezeichnet,  hatte,  bei  aller
Neigung  zu  klassischer  Geltung  und  Eigenberechtigung  der  Formen,  mit
ihm  das  Streben  gemein  nach  durchgreifenden,  alles  beherrschenden
Hauptgliedern;  darum  die  mächtigen,  durch  mehrere  Geschosse  gehenden
Säulen  und  Pilaster.
Dieser  Zug  nach  dem  Großen,  Organischen,  Zusammenfassenden
macht  sich  nun  auch  allseits  in  der  Dekoration  geltend.  Die  Einzelmotive
werden  geringer  an  Zahl,  aber  voller,  kräftiger,  größer  und  bewegter.
In  hohem  Grade  nahm  auch  die  Spitze  an  dieser  Entwicklung  teil.
Auf  die  Versuche,  Rand  und  Zacke  zusammenzufassen,  ist  schon  hin-90


            
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