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Full text : Entwicklungsgeschichte der Spitze : mit besonderer Rücksicht auf die Spitzen-Sammlung des k. k. österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien

B.  DIE  NÄHZACKE  UND  DIE  ORIENTALISCHE  SPITZE.

Wir  wenden  uns  nun  jenen  Formen  der  Auflösung  und  Belebung
des  Stoffrandes  zu,  die  außerhalb  des  ursprünglichen  Saumes  geschaffen
werden,  und  zwar  zunächst  denen,  die  mit  der  Nadel  gearbeitet  sind
und  die  gewöhnlich  unmittelbar  an  den  Befestigungssaum  anknüpfen,  mit
dem  die  sonst  ausfransenden  Enden  der  Stoffe  versehen  werden.
Auch  diese  Arbeiten  sind  in  älterer  Zeit,  den  farbigen  Innenstickereien ­
  oder  Stoffmustern  entsprechend,  meist  in  Farbe  gehalten.  Noch
farbige  kleine  Rundbogen  sehen  wir  zum  Beispiel  an  einer  farbigen  Borte
des  Hemdes  auf  Dürers  Selbstbildnis  vom  Jahre  1498  im  Prado  zu  Madrid.
Doch  schon  im  15.  Jahrhunderte,  besonders  in  der  zweiten  Hälfte  desselben,
war  die  Sitte  weit  verbreitet,  die  Ränder  der  Leinenstoffe  mit  kleinen
weißen,  frei  herausstehenden  Knötchen  zu  benähen,  die  dem  mehr  plastischen ­
  und  weniger  auf  Farbe  gerichteten  Geiste  der  Renaissance  mehr
entsprechen.  So  finden  wir  solche  Knötchen  auf  dem  »Selbstbildnisse
Masaccios«  in  der  Londoner  National-Gallery,  am  Kragen  eines  Knaben
auf  dem  »Wunder  des
heiligen  Zenobius«  von
Botticelli  in  der  Dresdener ­
  Galerie  (Nr.  9)  oder
am  Taschentuche  einer
Frau  auf  einem  Bilde
des  Ursula-Zyklus  von
Carpaccio  in  der  Akademie ­
  zu  Venedig  vom
Jahre  1495.  Statt  Knötchen ­
  kommen  auch
kleine,  kurze,  genähte
Stäbchen  vor,  etwa  an
dem  Taschentuche,  das
eine  der  sogenannten
Cortigiane  von  Carpaccio
im  Museo  civico  zu
Venedig  in  der  Hand  hält,
oder  an  dem  Taschentuche ­
  des  Mannes  auf
dem  Bilde  der  Briefübergabe ­
  in  dem  oben  genannten ­
  Ursula-Zyklus.

Abb.  7.  Andrea  Palladio  (1528—1580),  Stich  von  G.  B.  Ceccbi.

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