DIE „MANSION HOUSE DWARFS“: ENGLISCHE PORZELLANFIGUREN NACH
CALLOT UND IHRE PARISER KOPIEN MIT DEM GEFÄLSCHTEN BINDENSCHILD
Verwirrend und merkwürdig zugleich scheint die Tatsache, daß zwei Porzellanzwerge
(Abb 67 72) von der Pariser Firma Samson erzeugt wurden und neben der Samson-Marke
den gefälschten Wiener Bindenschild tragen (Abb. 70, 71). Ihre Porzellanvorbilder kommen
aus England, und die englischen Modelleure hatten wieder auf die „Gobbi“ Callots zurück
gegriffen, um sie auf ihre Weise zu variieren. So seltsam diese Zusammenhänge auch
scheinen, so ist doch jede Komponente ganz plausibel zu erklären.
Bei der Vorliebe des 18. Jahrhunderts für groteske Figuren wird es nicht verwundern, daß
englische ebenso wie kontinentaleuropäische Porzellanfabriken Zwergenfiguren nach
Jacques Callots „Gobbi“ oder Callot-Nachstichen bzw. dem „Callotto“ (s.S. 138) her
stellten. Die Firma Samson in Paris, um die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet, wird die
„Mansion House Dwarfs“ wahrscheinlich deshalb in ihr Programm aufgenommen haben, da
die Nachfrage nach ihnen groß war. Der Geschmack des späteren 19. Jahrhunderts dürfte
sich den Zwergenfiguren verstärkt zugewandt haben, und gerade bei der Anfertigung von
Kopien oder Fälschungen spielte schon immer der Auftraggeber und dessen Geschmack
eine maßgebliche Rolle.
Wenn Samson auf die Kopien englischer Porzellane den Bindenschild und nicht die Marke
der englischen Fabrik setzte, so deshalb, weil die Pariser Firma damit den Weg des
geringsten Widerstandes ging. Die Wiener Manufaktur war 1864 aufgelassen worden und ein
Fälscher ging so gut wie kein Risiko ein, wenn er diese weltberühmte Marke auf seine
Produkte setzte, da niemand die Rechte der Bindenschild-Marke und der alten Wiener
Porzellanmanufaktur vertrat.
Bevis Hillier verwies bereits 1968 auf die Fälschung des englischen Zwergenpaares durch
Samson und beschrieb auch seine Entstehung in Chelsea und Derby näher: „But a Chelsea
red-anchor male dwarf in a tall hat was taken from one of Callot’s own engravmgs, and a
female companion dwarf, made a little later, seems to have been an original Chelsea design.
The male Chelsea dwarf was reissued by the Derby factory after 1770, with a new male
companion, also after a Callot original. This pair, described in the Derby sale catalogue of
1784 as ‘grotesque Punches’, offen have advertisements painted on their large hats,
recalling the practice of attaching public advertisements to the figures of dwarfs which
formerly stood outside the Mansion House in London. For this reason they are usually
known as ‘the Mansion House dwarfs’; the many forgeries made of them by Samson of Paris
Show their attraction for collectors“ (Hillier 1968, S. 60-61). Wenn Hillier einen Chelsea-
Zwerg nach einem Callot-Vorbild erwähnt, dem ein offenbar in Chelsea selbst entworfenes
weibliches Gegenstück zugesellt wurde, so bezog er sich dabei vermutlich auf die beiden
Porzellanfiguren, die aus der Schreiber-Collection in das South Kensington Museum,
London, gelangten.
Lady Charlotte Schreiber (1812-1895), eine der bemerkenswertesten Sammlerpersonlich-
keiten des 19. Jahrhunderts, widmete einen großen Teil ihrer auf vielen Reisen erworbenen
Sammlungen dem South Kensington Museum (heute Victoria and Albert Museum, London).
In ihren Tagebüchern, die 1911 von ihrem Sohn Montague J. Guest herausgegeben wurden,
berichtete sie genauestens über ihre Käufe, so daß wir auch über die Erwerbung der
Zwergenfiguren unterrichtet sind; am 28. August 1869 schrieb sie: „On the 28th Mr. Emerson
Norman of Norwich came to see our things and went with us to the South Kensington
Museum. He brought up with him a Chelsea figure of a dwarf, in a large hat (marked with a red
raised anchor) and a female figure to match (marked with a red anchor) which we had much
desired to have of him in the spring. These we now obtained in exchange for two Bow vases
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