VOLKSTEDT/THÜRINGEN ALS FÄLSCHERZENTRUM IM SPÄTEN 19. UND FRÜHEN
20. JAHRHUNDERT
Die Tradition der thüringischen Porzellanfabriken, wegen ihrer Imitationen der Meißener
Schwerter immer wieder mit der berühmten Meißener Manufaktur in Konflikt zu geraten, ist
sehr alt und wurde von mir in einer eigenen Publikation bereits dargestellt (Neuwirth,
Meißener Marken, 1977). Inzwischen wissen wir aber auch, daß thüringische Unternehmen
im 19. und frühen 20. Jahrhundert außer den Meißener Schwertern ebenso gerne den Wiener
Bindenschild wie die Marken von Sevres und Neapel fälschten.
Durch mehrere glückliche Zufälle gelangte im Laufe der letzten Jahre eine ganze Reihe von
Porzellanen, die die verschiedensten Marken berühmter Manufakturen tragen und die alle in
Volkstedt hergestellt wurden, in meine Hände.
Zwei Aspekte sind von besonderem Interesse: erstens kann man die thüringischen Bettler
figuren und -gruppen von graphischen Darstellungen Callots ableiten, und zweitens sind
durch verschiedene Vergleiche andere gefälschte Porzellane (z.B. die weiß glasierte,
unbemalte Zwergenserie, Abb. 38 ff.) eindeutig nach Thüringen lokalisierbar.
Dies ist insoferne ein großer Glücksfall, als wir gefälschte Marken zwar meist als solche
erkennen können, die Zuschreibung von Fälschungen an eine ganz bestimmte Fabrik jedoch
sehr schwierig ist.
Die Bettler Jacques Callots („Les Gueux“, „I Baroni“) sind in der Callot-Fachliteratur
mehrfach erwähnt (Meaume 1860, Nr. 685-709; Lieure 1924—1927, Nr. 479-503, Plan
1911, Nr. 329-353; Knab 1968-69, Nr. 380-397). Die zerlumpten Bettler und Krüppel,
angeführt vom „Capitano de Baroni“, hatten einen großen Einfluß auf die Druckgraphik und
die figurale Plastik der Folgezeit. „Bettler nach Callot“ führt Gustav Parthey in seinem
„Beschreibenden Verzeichnis“ der Kupferstiche Wenzel Hollars unter den Nummern 2024
bis 2027 an. Die bei Callot einzeln oder höchstens zu zweit dargestellten Bettler (nur die
Bettlerin mit Kindern ist da eine Ausnahme) werden bei Hollar gruppenweise zusammenge
faßt. Ein Blatt Hollars zeigt nach Parthey sieben Bettler und trägt die Beschriftung „Die Bettler
Zunfft“ (Parthey 1853, Nr. 2024), andere Blätter Hollars zeigen acht Bettler nebeneinander,
bzw. zwei Bettler und fünf Bettlerinnen, sowie vier Bettlerinnen und zwei Bettler. Dieses letzte
Blatt ist laut Parthey rechts auch mit der Signatur „WHollar Prag: fe:“ bezeichnet.
Das österreichische Museum für angewandte Kunst besitzt eine Folge Callots, deren erstes
Blatt mit dem „Capitano de Baroni“ folgendermaßen bezeichnet ist: „lacomo Callot in.
AParis chez P. Mariette rue S. lacques a lesperance“. Die Serie ist paginiert, einzelne Blätter
monogrammiert: „fC (oder fE?) fec“. Manche Darstellungen sind mit französischen Zwei
zeilern versehen, die dem Thema manchmal in etwas zynischer Weise entsprechen: „le prie
au bon Dieu quil pardonne a Celltiy la qui plus me donne“ (auf einem Blatt, das eine Bettlerin
mit Stock und Rosenkranz zeigt; die Nummer 8 der Folge des österreichischen Museums).
In der Fachliteratur werden die Bettler Callots um 1622/23 datiert (Schröder 1972, S. 1107).
Die Bedeutung der „Gobbi“ Callots und seiner Bettler als Vorlagen für die figurale Porzellan
plastik wurde meines Wissens bisher noch nie umfassend erforscht. Offenbar entsprachen
sie im späten 19. Jahrhundert wieder dem Zeitgeschmack und wurden daher in größerer Zahl
hergestellt. Da die Porzelianplastik des ausgehenden 19. Jahrhunderts bisher kaum
Gegenstand wissenschaftlicher Forschung war, sind mir aus der keramischen Fachliteratur
keine Vergleichsbeispiele zu den Figuren bekannt, die ich im Folgenden behandeln werde.
Nach der Ausstellung „Wiener Porzellan - echt oder gefälscht?“ (1976/77) konnte die
Keramikabteilung des österreichischen Museums für angewandte Kunst zwei bunt bemalte
Porzellangruppen erwerben. Sie fielen mir sofort auf, weil sie - nachweislich aus derselben
Produktion stammend - voneinander abweichende Marken tragen. Die eine Gruppe ist mit
den bekannten gekreuzten Vorstedter Gabeln in Unterglasurblau gekennzeichnet, die zweite
mit einer gefälschten, eingestempelten Sevres-Marke (Abb. 80, 81).
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