o.J., S. 110) lesen wir, daß die Fabrik,,Zier- und Kunstporzellane in erstklassiger Ausführung,
Tafelschmuck, Geschenkartikel, moderne Porzellankunst, religiöse Artikel“ erzeugte;
zu beachten ist vor allem der Hinweis auf „Reproduktionen aus den Althöchster Original
formen“!
Ich finde es sehr bemerkenswert, daß aus dem 19. Jahrhundert keine einzige Marke dieser
Passauer Firma bekannt ist - zumindest keine amtlich angemeldete und registrierte. Kenn
zeichnete die Fabrik denn ihre Produktion damals überhaupt nicht, oder verwendete sie
Marken der Fabriken, deren Modelle sie imitierte? Ich glaube, daß wir die Passauer Fabrik
künftig im Auge behalten müssen, wenn wir versuchen, gefälschte Marken zu ihrem
Ursprung zurückverfolgen. Die Höchster Radmarke hingegen führte die Fabrik offenbar zu
Recht, da sie sie im Jahre 1903 amtlich registrieren ließ (Danckert 1978, S. 19, Nr. 111).
Schon im Sotheby-Katalog aus dem Jahre 1973 wird bei einer Gruppe der „Tanzenden
Bauern“ mit der Höchster Marke auf die Firma Dressei, Kister & Co., Passau, verwiesen; eine
Beweisführung für die Provenienz aus der Passauer Fabrik war aber offenbar nicht möglich.
Unsicher bleibt daher die Herkunft unserer Gruppe (Abb. 117), wenn auch eine gewisse
Affinität zur Sotheby-Gruppe nicht zu leugnen ist. Ebenso ungewiß bleibt die Frage des
Vorbildes: hatte Höchst bereits die Meißener Tanzenden imitiert, und wurde diese Höchster
Variante dann von unserem Fälscher übernommen? Oder gab es die Gruppe in Höchst nie,
und spätere Fabriken suchten nur im Grassockel eine Anlehnung an den Höchst-Stil?
Entstand unsere Gruppe in der Fabrik von Damm, bei Dressei, Kister & Co. oder in einer in
diesem Zusammenhang überhaupt noch nicht erwähnten Fabrik?
Uns fehlen noch zu viele Glieder in der Kette von Beweisen, die zu einer Zuschreibung und
Datierung der Tanzenden mit dem gefälschten Bindenschild (Abb. 117) führen könnten. Ob
sich der Kreis jemals so lückenlos schließt wie bei den Callot-Figuren des ersten Abschnitts?
Der berühmte Meißener Modelleur Johann Joachim Kaendler schuf viele Porzellanfiguren,
die wesentlich zur weltweiten Berühmtheit der ersten europäischen Manufaktur beitrugen.
Ihm sind vermutlich auch die Sitzfiguren von Bettler und Bettlerin zuzuschreiben, die uns in
zwei voneinander etwas abweichenden Prototypen überliefert sind.
Zu den offenbar früher anzusetzenden Modellen zählen jene der Sammlung Buckardt, Berlin,
wo der Bettler als „buckliger Leiermann, Meißen um 1735“ beschrieben wird (Slg. Buckardt,
o.J., S. 53). Die 12,5 cm hohe Figur war allerdings restauriert. Dieser Ausformung sehr
verwandt - ebenfalls ein Mann mit langen Haaren und Bart - war ein Bettler, der 1967 bei
Sotheby’s versteigert wurde (Sotheby 23.5.1967, Nr. 101, S. 52); mit diesen Ausformungen
vergleichbar, wenn auch bartlos, ist eine Figur, die 1968 durch Sotheby angeboten wurde
(Sotheby 26.11.1968, Nr. 4, S. 7).
Im Zusammenhang mit unserer gefälschten Figur (Abb. 119, 120) ist ein kleiner Bettler
bemerkenswert, der gerade seine Pfeife anzündet (Synge-Hutchinson 1961, S. 97, Nr. 3).
Auf ihn gehe ich später noch ein.
Der zweite, vielleicht einige Jahre (um 1740) später entstandene Prototyp des Bettlers von
Kaendler ist manchmal etwas größer (bis 14,5 cm hoch). Er war vermutlich noch erfolgreicher
als das ältere Modell und wurde auch in England kopiert. So ist z.B. eine Kopie durch die
Manufaktur Chelsea aus der Sammlung Fisher bekannt (Synge-Hutchinson 1961, S. 97,
Nr. 5), in der sich auch ein Meißener Original befindet.
Im folgenden möchte ich wieder eine Zusammenstellung der wichtigsten Ausformungen
versuchen.
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