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Full text: Wiener Porzellan: Original, Kopie, Verfälschung, Fälschung

In Anlehnung an den von mir so bezeichneten Prototyp II der Kaendlerschen Bettlerfigur 
entstand in einer bisher unbekannten Porzellanfabrik der pfeifenrauchende Bettler mit 
Drehleier (Abb. 120). Bis auf die Pfeife entspricht die Imitation, die vermutlich aus dem späten 
19. Jahrhundert stammt, im großen und ganzen dem Prototyp II. Der auf einem weiß 
glasierten Felssockel mit grüner Staffierung sitzende Mann hält auf seinen Knien die große 
Drehleier, deren Corpus gelblichbraun bemalt ist und durch dunkelbraune Streifen 
akzentuiert wird. Der Musikant greift mit der linken Hand auf die ebenfalls dunkelbraun 
bemalten Tasten und dreht mit der rechten an der Kurbel; eine Rosette schmückt das 
Instrument. Der Bettler in zerlumpter, grüner Kniehose mit zwei großen, unregelmäßigen 
Löchern an den Knien, die Hose unterhalb der Knie von einem roten Band zusammengehal 
ten, trägt ein weißes Beinkleid, schwarze Schuhe mit brauner Sohle und gelben Maschen. 
Den schwarzen Hut schmückt ebenfalls ein gelbes Band. Unter dem vorne geöffneten lila 
Rock mit dunklen Säumen wird ein weißes Hemd mit roten Punkten sichtbar. Das Gesicht, 
das lange, hellbraune Haare rahmen, fällt durch starke Angabe des Inkarnats - wie auch bei 
den Händen - auf. Die geschlossenen, roten Lippen halten eine kurze Pfeife; in den braunen 
Augen sind die Pupillen dunkel, fast schwarz, markiert. 
Zieht man eine Kaendler-Figur der Sammlung Pauls (Meister 1/1967, S. 253) zum Vergleich 
heran, so wurden in der Imitation fast alle Gewanddetails abgeändert, ebenso die Haltung 
des Kopfes und der Hände. Auffallend ist dies vor allem bei der linken Hand, deren Daumen 
nicht weggestreckt wird, und die Haltung der vor dem Körper - und nicht seitlich - 
gekreuzten Beine. 
Vom Meißener Vorbild weicht die Imitation auch durch die große Schärfe einiger Details ab, 
besonders beim Gewand: die Modellierung des Hemdes vorne an der Brust sowie der 
Hemdsärmel an den Handgelenken. 
Wäre diese Figur (Abb. 120) ungemarkt, könnte vielleicht ein Gelehrtenstreit entstehen, ob es 
sich um Original oder Fälschung handle. So aber brachte der Fälscher entgegenkommender 
weise an der Unterseite der Figur Kennzeichen an, die uns ohne jeden Zweifel die 
Feststellung der Fälschung ermöglichen (Abb. 119). 
Der unterglasurblaue Bindenschild ist nachweislich gefälscht — dies wäre ebenfalls nicht 
ganz leicht zu beweisen, stünde über ihm nicht die eingepreßte Zahl 802. Nach der Wiener 
Kennzeichnung könnte diese Zahl, wenn sie echt wäre, nur für einen Jahresstempel stehen 
(802 = 1802). Modell-oder Formnummern waren in Wien nicht üblich. Mit einer Datierung um 
1802 läßt sich wiederum der Stil der Figur nicht in Einklang bringen, die ja doch vorgeben will, 
aus dem 18. Jahrhundert zu stammen. Ganz abgesehen von solchen Überlegungen wurden 
in der Sorgenthal-Zeit (1784-1805) die Figuren in der Regel nicht mit Jahresstempeln ver 
sehen, wenn ich auch einige offenbar authentische Wiener Biskuitfiguren kenne, die Jahres 
stempel vom Beginn des 19. Jahrhunderts tragen. Inwiefern die noch vorhandenen Klebe 
etiketten mit der Aufschrift: „V.B. I“ bzw. „12“ mit der ausführenden Manufaktur zu tun 
haben, ist nicht bekannt. Ein vorsichtiger Hinweis auf eine bestimmte Fabrik sei jedoch 
gestattet: auf einigen Porzellanfiguren mit gefälschten Marken aus der Produktion der Pariser 
Firma Samson fand ich bisher entweder aufgemalte oder gestempelte Achthunderter- 
Nummern (z.B. 814 auf einer gesicherten Samson-Figur, s. Abb. 125,126; oder 810 auf den 
bereits behandelten Derby-Callot-Figuren, Abb. 67,72). Es besteht zwar die Möglichkeit, daß 
unser Bettler (Abb. 120) von Samson modelliert wurde, doch können wir noch nicht absolut 
überzeugt davon sein. 
Dieses Beispiel zeigt uns einmal mehr, daß dem Fälscher sowohl ein „Zuwenig“ als auch ein 
„Zuviel“ zur Falle werden kann. Was fehlt, ist das Bossiererzeichen, das in der Wiener 
Porzellanmanufaktur um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf figuralem Porzellan fast immer zu 
finden ist. Die zusätzlich angebrachte Stempelung der Zahl 802 ist ein Fehler, der einem 
Fälscher nicht passieren dürfte, der so sorgsam den Wiener Bindenschild unter die Glasur 
auf den Scherben setzt. 
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