NYMPHENBURGER PORZELLAN MIT DEM FALSCHEN SCHILD
Ähnlich wie die Meißener Modelle blieben auch die figuralen Schöpfungen anderer deutscher
Manufakturen (Nymphenburg, Frankenthal, usw.) vom Zugriff der Fälscher nicht verschont.
Zwei weiß glasierte, unbemalte Figuren (Abb. 136-139) entstanden sicher in derselben
Fälscherfabrik. Sie sind im leichten Grau von Masse und Glasur schon optisch vergleichbar,
darüber hinaus durch die Art der gefälschten Kennzeichen, und beide gehören einer
Wiener Sammlerin.
Bei der weiblichen Figur nahm sich der Fälscher die „Lucinde“ der italienischen Komödie
zum Vorbild (Abb. 136). Im Vergleich mit dem Nymphenburger Original (Rückert 1963,
Abb. 38) dürfte der Qualitätsabfall nicht so kraß wie bei vielen anderen Fälschungen sein.
Das Kostüm wurde im großen und ganzen beibehalten, nur offenbar in Details verändert. Ich
kenne natürlich nicht genug Nymphenburger Ausformungen des Bustelli-Modells, um sagen
zu können, ob die Abweichungen - das Halsband mit Masche sowie die Masche am
Ausschnitt - nicht auch bei einer Nymphenburger Ausformung möglich wären.
Als ich die Porzellanfigur zum ersten Mal sah, war meine erste Reaktion, der Besitzerin einen
deutschen Kollegen als Fachmann für Nymphenburg zu empfehlen, da das österreichische
Museum für angewandte Kunst eine zwar exquisite, aber nicht sehr umfangreiche Sammlung
an Nymphenburg-Porzellan besitzt. „Aber es soll doch Wiener Porzellan sein!“ entgegnete
mir die freundliche Leihgeberin. Erst dann drehte ich erstaunt die Figur um - und auf der
Unterseite prangte der Bindenschild. Unübersehbar waren auch die eingeritzten Zahlen 83
und 651, in deren Vertiefungen man - ebenso wie beim Bindenschild - Glasur fließen ließ
(Abb. 138). Unnötig zu erwähnen, daß vor allem die Zahl 651 der Beweis für eine Fälschung
ist.
Für die zweite Porzellanfigur - einen flötenspielenden Kavalier, der an einem hohen
Postament mit Vase lehnt - konnte ich bisher noch kein exaktes Nymphenburger Vorbild
finden (Abb. 137). Ob der Kavalier nur dem Stil Bustellis nachempfunden oder direkt nach
einem seiner Modelle kopiert wurde, wird sich vermutlich noch herausstellen. Die
Kennzeichnung ist hier viel raffinierter den echten Wiener Porzellanen angeglichen
(Abb. 139): sie ist nämlich wie für eine Wiener Porzellanfigur aus der Mitte des 19. Jahr
hunderts gestaltet: der Bindenschild ist vorhanden, die Nummer 34 könnte die Bossierer
nummer für Franz Wiringer sein, die Zahl 851 stünde für den Jahresstempel, der das Jahr
1851 angibt.
Bei echtem Wiener Porzellan wären Marke und Nummern aber gestempelt, nicht
geritzt. Die Standfläche ist außerdem unglasiert, und nur im jeweiligen Bereich der
Kennzeichen wurden diese flächig überglasiert. Das Porzellan zeigt wieder jenen grauen Ton
in Masse und Glasur, der schon für die „Lucinde“ charakteristisch war.
Beide Fälschungen sind mit 14 cm (Lucinde) bzw. 14,5 cm (Kavalier mit Flöte) etwa gleich
hoch; aber die Figur der italienischen Komödie ist viel niedriger als ihr Nymphenburger
Gegenstück, das 19,6 cm mißt (Rückert 1963, Abb. 38).
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