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Full text: Wiener Porzellan: Original, Kopie, Verfälschung, Fälschung

unserer Fälschung (Abb. 144) zum Schäfer auf. Bemerkenswert auch die Handhaltung der 
Meißener Schäferin (Rückert 1966, Nr. 1010), deren Schürzenzipfel über das Handgelenk 
gelegt ist. Dieselbe Geste findet sich auch bei unserer Schäferin wieder (Abb. 143), ohne daß 
die Schürze jedoch jene reiche Blütenpracht enthält wie bei der Meißener Figur. 
Dies sind natürlich nur Anklänge, die jedoch charakteristisch sind. Dienten unseren Fäl 
schungen noch unbekannte Porzellanmodelle zum Vorbild oder entlehnte der Fälscher eini 
gen ihm bekannten Figuren einzelne Details, aus denen er dann seine eigenen Modelle 
schuf, die er wegen der besseren Verkäuflichkeit schließlich mit dem gefälschten Wiener 
Bindenschild versah? 
Dieser Bindenschild, den die beiden weiß glasierten und unbemalten Figuren auf der Sockel 
unterseite tragen, ist unter der Glasur angebracht (Abb. 141). Auffallend ist die sehr breite, 
gedrückte Form, wobei die zwei Linien, die den Querbalken des Schildes bilden sollen, knapp 
an die horizontale Linie des Schildes anschließen. Das Porzellan beider Figuren weist Brand 
risse und Unreinheiten in Form dunkler, manchmal bläulicher Pünktchen auf. Typisch ist 
auch eine sehr weiche Modellierung, die manche Details verschwommen wirken läßt und 
besonders an den Rocaillen des Sockels zutage tritt, und die schlecht verarbeiteten Form 
nähte - Charakteristika, die auf viele Fälschungen, vor allem auch solche durch die Pariser 
Firma Samson, zutreffen. 
Ein Größenvergleich mag interessant sein: die Zürcher Figuren sind 20,5 bzw. 19 cm groß, 
die Meißener Figuren 29,1 bzw. 28,9 cm sowie 27,3 und 25,9 cm (Rückert 1966, Nr. 1006, 
1007; 1010, 1011), während unsere beiden Fälschungen 26,9 cm (Schäferin) und 26,3 cm 
(Schäfer) messen. Sie überragen die Zürcher Modelle, denen sie in manchen Details am 
nächsten stehen, bei weitem, nähern sich in der Größe wiederum den Meißener Ausformun 
gen an. 
Von kleineren Beschädigungen der Figuren und dem angeklebten rechten Arm des Schäfers 
abgesehen, sind beide Figuren in gutem Zustand. 
Während der Drucklegung des vorliegenden Buches wurde mir anläßlich der Sprechstunden 
am österreichischen Museum für angewandte Kunst eine Porzellanfigur gezeigt, die mit der 
abgebildeten Schäferin (Abb. 143) nahezu identisch war und zu der auch ein Schäfer (ver 
gleichbar Abb. 144) gehörte. Kleinere Unterschiede der Detailbehandlung waren feststellbar, 
außerdem war die mir gezeigte Schäferin staffiert. Sie war leider — ebenso wie unsere Figur 
(Abb. 143) beschädigt. Von besonderem Interesse ist die Tatsache, daß die bemalte Schäfe 
rin eine unterglasurblaue Marke trug, die aus zwei parallel verlaufenden Linien und einer die 
se fast in der Mitte und nahezu im rechten Winkel kreuzenden Linie bestand - eine Marke, 
die wir aus der einschlägigen Fachliteratur als Zeichen einer thüringischen Porzellanmanu 
faktur identifizieren können: es handelt sich dabei entweder um das Zeichen von Sitzendorf 
(Neuwirth Markenlexikon Nr. 2/1978, Nr. 679) oder um das Zeichen von Plaue (Danckert 
1978, S. 390). 
Abb. 140. Marke der Porzellanfigur Abb. 142: gefälsch 
ter unterglasurblauer Bindenschild, in Hellbraun 
(Gold?) auf der Glasur: 1 
Abb. 141. Markeder Porzellanfigur Abb. 144: gefälsch 
ter Bindenschild in Blau unter der Glasur 
190
	        
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