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Full text : Wiener Porzellan: Original, Kopie, Verfälschung, Fälschung

D’APRES  BOUCHER  -  D’APRES  FALCONET:  WIENER  KINDERFIGUREN
NACH  FRANZÖSISCHEN  VORBILDERN

Die  Modelleure  der  Wiener  Porzellanmanufaktur  orientierten  sich  im  18.  Jahrhundert  nicht
nur  an  Meißener  Vorbildern,  sondern  griffen  auch  auf  die  inzwischen  beliebt  gewordenen  Kinderdarstellungen ­
  der  Manufaktur  Sevres  zurück.  Als  Vermittler  diente  eine  Serie  von  Radierungen, ­
  die  die  Wiener  Manufaktur  ihrem  Vorlagenwerk  eingegliedert  hatte.  In  der  bei
Joullain/Paris  erschienenen  Serie  wurden  Modelle  von  Boucher  und  Falconet  vervielfältigt.
In  Form  beschnittener  Einzelblätter  gelangten  neun  dieser  Vorlagen  aus  dem  Nachlaß  der
Wiener  Porzellanmanufaktur  in  das  österreichische  Museum  für  Kunst  und  Industrie  (heute
österreichisches  Museum  für  angewandte  Kunst,  Wien).
Mit  dem  Einfluß  französischer  Modelle  auf  die  Produktion  europäischer  Manufakturen  befaßte ­
  sich  bereits  Gisela  Zick  in  ihrem  bemerkenswerten  Aufsatz  „D’apres  Boucher.  Die  .Vallee
de  Montmorency’  und  die  europäische  Porzellanplastik”  in  „Keramos”  (Zick  1965).
Vier  der  weniger  beschnittenen,  in  Wien  erhaltenen  Blätter  tragen  den  Vermerk  ,,F  Boucher
inv.  Falconet  filius  del.  ä  Paris  ches  Joullain.”,  zusätzlich  den  Untertitel  ,,De  la  Manufacture
Royale  de  France.”  Die  Wiener  Porzellanmanufaktur  versah  diese  Blätter  im  19.  Jahrhundert
mit  ihrem  Rundstempel  (vermutlich  erst  nach  der  Jahrhundertmitte)  und  mit  Papieretiketten,
die  eine  Hauptnummer  (75)  und  fortlaufende  Seriennummern  tragen.  Aus  dem  18.  Jahrhundert ­
  dürfte  noch  die  Beschriftung  ,,K:K:  Porcelaine  Fabrique”  stammen.  Die  Boucher-Modelle ­
  haben  ursprünglich  wohl  alle  links  oben  den  Buchstaben  A  getragen,  der  bei  den  stark  beschnittenen ­
  Blättern  verschwunden  ist.
Zwei  Kindergruppen  gehen  auf  Falconet  zurück,  den  „Sculptor  Regius”,  wie  die  Bezeichnung ­
  der  Blätter  ihn  nennt:  „Falconet  Sculptor  Regius  Fecit.  Falconet  Filius  del.  Menil  Sculp”
-  Der  Verlegervermerk  bezieht  sich  wieder  auf  Paris:  „A  Paris  ches  Joullain  Quai  de  la
Megißerie  ä  la  Ville  de  Rome”,  und  auch  die  Herkunft  der  Modelle  wird  angegeben:  „De  la
Manufacture  Royale  de  Seve”  (man  beachte:  Seve  statt  Sevres!).  Blauer  Rundstempel,  Papieretikett ­
  und  der  Schriftzug  der  Wiener  Manufaktur  sind  den  Boucher-Blättern  vergleichbar.
Nur  der  links  oben  befindliche  Buchstabe  ist  diesmal  ein  E.
In  der  Wiener  Porzellanmanufaktur  entstanden  zahlreiche  Porzellanfiguren,  die  auf  die  abgebildeten ­
  Vorlagen  zurückgehen  (Abb.  187,  188).  Manche  sind  uns  im  Original,  manche  aus
der  Fachliteratur  bekannt:  Einige  von  ihnen  wurden  wiederum  im  20.  Jahrhundert  von  der
Wiener  Porzellanmanufaktur  Augarten  in  ihr  Programm  aufgenommen;  dazu  gehören  zwei
Kinder,  die  als  „Girlandenmädchen  (Abb.  195)  und  als  „Aalverkäufer”  (Abb.  194,  196)  bezeichnet ­
  wurden.  Das  Motiv  des  sitzenden  Mädchens  mit  der  Blumengirlande  kehrt  in  einer
Ausformung  wieder,  die  1929  bei  Glückselig  verkauft  wurde.  Eine  unbemalte  Ausformung
des  Altwiener  Modells  wurde  bereits  1921  im  Wiener  Dorotheum  (Slg.  Ludwig  Viktor  1921,
Nr.  640,  Taf.  88)  versteigert.  Die  typische  Wiener  Goldbordüre  des  Sockels  kehrt  auf  dem
Wiener  Original  und  der  Augarten-Kopie  mit  den  schon  bekannten  Unterschieden  und  der
stärkeren  Stilisierung  bei  Augarten  wieder.  Ansonsten  ist  die  Staffierung  völlig  anders;  die
Modellierungsdetails  zu  vergleichen,  ist  wegen  der  schwachen  Abbildung  im  Auktionskatalog
nicht  möglich.  Sicher  hatte  Augarten  aber  eine  andere  Ausformung  zur  Verfügung,  die  der
Staffierer  auch  in  den  Details  der  Bemalung  exakt  kopierte.
Der  sogenannte  „AalVerkäufer”  (Abb.  194,196)  hatte  ursprünglich  ein  französisches  Vorbild
und  einen  Alt-Wiener  „Vermittler”.  In  der  graphischen  Vorlage  steht  der  Knabe,  auf  einen
Stock  gestützt,  neben  einem  Baumstamm,  auf  dem  sein  Korb  liegt.  Mit  der  rechten  Hand  bietet ­
  er  eine  seiner  Brezeln  dar,  von  denen  mehrere  noch  im  Korb  liegen  (Abb.  193).  In  der  Manufaktur ­
  Augarten  wurde  aus  dem  Brezelverkäufer  ein  Aalverkäufer  (Abb.  194),  dessen  Alt-Wiener
  Vorbild  mir  zum  Vergleich  leider  nicht  zur  Verfügung  steht;  Abänderungen  gegenüber

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