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Volltext: Wiener Porzellan: Original, Kopie, Verfälschung, Fälschung

Biskuitausformungen der Porzellanmanufaktur erhalten (Abb. 256, 258,260), und auch eine 
Bacchantengruppe ist sowohl in Terrakotta als auch in Biskuit in den Studiensammlungen 
vertreten (Abb. 264, 265). 
Die Terrakotten sind durchschnittlich um ein bis zwei Zentimeter größer als die Biskuitfiguren, 
was sich vermutlich aus der geringeren Schwindung des Tonmaterials gegenüber dem Por 
zellan erklärt, andererseits vielleicht auf gewissen Veränderungen mancher Gliedmaßen 
während des Brandes beruht. 
Verwirrend sind einzelne Bezeichnungen auf diesen Terrakotten, wenn man ihre Geschichte 
nicht kennt. „Kleodoxe” (Abb. 257) trägt den Firmenstempel von de Cente und den Doppel 
adler, die eingeritzte Jahreszahl 1867 sowie den Namenszug „Grassi”. Wüßte man nicht, 
daß Grassi bereits 1807 gestorben ist, müßte man annehmen, er hätte dieses Werk noch 
1867 modelliert. Der Bossierer der Terrakotta aus Wiener Neustadt hingegen ist vermutlich 
jener J. B., dessen Zeichen auf der Sockelunterseite eingeschrieben sind und den wir noch 
nicht identifizieren können; von ihm stammt auch die Terrakotta des „Phedimus” (Abb. 261), 
während ,,Astykratia” neben dem Firmenstempel und der Zahl 1867 nur mit einem B gekenn 
zeichnet ist (Abb. 259). Die unterschiedlichen Materialen - Biskuitporzellan und Terrakotta 
- wirken sich nicht nur in der abweichenden Höhe (durch die Schwindung) aus, sondern 
auch durch das Gewicht. Während der Sockel der Terrakotten aus einer Standleiste und 
einer stark eingezogenen Unterseite besteht, beanspruchen die Biskuitfiguren der Niobiden 
meist einen rechtwinkelig angeordneten, aufwendigen Stützapparat, um das Einsinken des 
Biskuitporzellans während des Brandes zu verhindern. 
Die Biskuitporzellane sind recht gut gekennzeichnet. Der Niobide (Abb. 260) trägt einen ein 
gepreßten Bindenschild, den Jahresstempel 858, die Bossierernummer 33 (= Johann Bin 
der) und die Signatur „Grassi” - also auch das Wiener Porzellan wurde lang nach dem Tode 
Grassis ausgeformt! 
Die Bedeutung der erhaltenen De-Cente-Terrakotten liegt unter anderem darin, daß die 
häufig beschädigten Porzellanfiguren mit Hilfe dieser Kopien genau rekonstruiert werden 
könnten; oft sind die Hände der Biskuitfiguren bestoßen oder Attribute fehlen. 
Das Museum erwarb in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts über 60 Terrakotten von 
de Cente (ein Teil ist im Museumsinventar irrtümlich als von der Porzellanmanufaktur erwor 
ben angeführt), von denen einige sich nicht mehr in den Studiensammlungen befinden und 
daher aus dem Inventar gestrichen wurden. Ob alle vorhandenen Terrakotten tatsächlich 
nach Modellen der Wiener Porzellanmanufaktur geschaffen wurden, ist noch nicht beweis 
bar, doch könnten Biskuitporzellane auftauchen, die dies bestätigen. Verfolgt man nämlich 
die Formnähte der Terrakotta- oder Biskuitfiguren, so verlaufen sie bei Ausformungen aus 
denselben Gipsformen an identischen Stellen: an Beinen, Armen, Gesichtern usw. 
Außer den Niobiden sind vor allem weitere mythologische Figuren aus Terrakotta zu nennen, 
die laut Inventar einzeln oder in Gruppen dargestellt wurden: die Götterfiguren von Jupiter, 
Mars, Venus, Apollo; die Gruppen Urteil des Paris sowie Jupiter, Juno und Jo; dann Figuren 
aus dem bacchantischen Themenkreis - Nymphe und Satyr, Satyr und Bacchantin - sowie 
zahlreiche Amoretten und andere Statuetten. 
Die Niobiden, Bacchanten und Götterfiguren aus der Wiener Porzellanmanufaktur dürften 
um 1900, als die Wiener Formen wiederentdeckt wurden, dem Geschmack der Zeit nicht 
mehr ganz entsprochen haben. Man bevorzugte damals offenbar eher Rokokostatuetten und 
vor allem Soldatenfiguren (s. S. 228 ff.), die in großer Zahl in Porzellan - und nicht in Terro- 
kotta wie die De-Cente-Figuren - entstanden. 
Eine Frauenbüste aus bemaltem Porzellan geht zwar nicht auf ein Alt-Wiener Modell zurück, 
gehört dem Äußeren nach jedoch in den Themenkreis des „Klassischen”. Der sparsam staf 
fierte Kopf ist nach links gewendet und trägt ein Diadem im Haar, das purpurne Gewand 
reicht in Längsfalten bis zum Sockel, der mit horizontalen Goldlinien dekoriert ist. Die 15 cm 
hohe Büste trägt einen unterglasurblauen Bindenschild, aber keinen Bossiererbuchstaben 
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