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Full text: Wiener Porzellan: Original, Kopie, Verfälschung, Fälschung

be Form ohne Deckel, aber mit reliefierter Wandung, ist bei Thieme ebenfalls sehr häufig 
(Kat. Thieme o.J., schwarz: ,,Artikel-Nr. 9560”). Das Schuppenmuster mit goldener 
Rocaillerahmung finden wir wieder im Thieme-Dekor V253 (Kat. Thieme o.J., bunt), dort aller 
dings mit Vögeln, und nicht mit Blumen, kombiniert. 
Alle diese Deckeldosen und auch das Henkelkörbchen haben in der Produktion der alten 
Wiener Manufaktur keine Gegenstücke, die als Vorbilder gedient haben könnten. Thieme 
versah die eigene Produktion, die sich von jener des 18. Jahrhunderts grundlegend unter 
schied, mit dem gefälschten Wiener Bindenschild, ohne sich an Wiener Originalen zu orientie 
ren. 
Wann alle diese Thieme-Fälschungen entstanden, ist nicht einfach festzulegen. Stilistisch 
sind sie ab dem späten 19. Jahrhundert möglich; da die Thieme-Porzellane keine Datie 
rungs-Kennzeichen tragen, ist ihre zeitliche Einordnung nahezu unmöglich. Fest steht jeden 
falls, daß noch 1966 - wie wir aus dem datierten Katalog wissen - Formen und Dekore 
erzeugt wurden, die den Fälschungen vergleichbar sind. 
Daß die Potschappeler Firma große Quantitäten der beliebten Geschirrformen erzeugte, ist 
sicher unbestritten; wieviele davon gefälschte Marke tragen, wissen wir nicht. Es kann jedoch 
angenommen werden, daß gängige Formtypen - wie auch bei anderen Manufakturen üblich 
- relativ lange im Programm blieben und schon aus diesem Grund schwer datierbar sind. 
EIN TAFELGESCHIRR MIT STREUBLUMENDEKOR VON CARL KNOLL, KARLSBAD 
Ein weiterer Beweis dafür, wie viele Fabriken den gefälschten Wiener Bindenschild verwen 
deten, bildet die Kennzeichnung eines Tafelservices, das von Carl Knoll in Karlsbad herge 
stellt und mit dem blauen Bindenschild (teils auf, teils unter der Glasur) versehen wurde (Abb. 
352-359). Schüsseln, Teller und Tafelaufsatz tragen reichen Blumendekor (ob in Umdruck 
technik, konnte ich noch nicht feststellen). Die Randzonen der Schüsseln und Teller sind 
reliefiert, ebenso Fuß, Rand und Schaft des Aufsatzes. Der Bindenschild in Aufglasurblau ist 
der Beweis der Fälschung. Ebenso sind die Typen der eingepreßten Zahlen unüblich, und 
außerdem findet man die eingepreßte Fabriksmarke „Carl Knoll CARLSBAD” auf manchen 
Teilen. 
Die Firma Carl Knoll wurde 1844 (Adreßbuch 1907, S. 297; nach Danckert 1978, S. 131 
bereits 1842) in Fischern bei Karlsbad gegründet. Die im Adreßbuch 1887 als „Carl Knoll, k.k. 
priv. Carlsbader Porzellan- und keramische Specialitäten-Fabriken und Erdenschlämmerei 
in Fischern bei Carlsbad” bezeichnete Firma (Adreßbuch 1887, S. 64) beschäftigte in diesem 
Jahr 423 Arbeiter. Auch ihr Erzeugungsprogramm wird im vorgenannten Adreßbuch detail 
liert angegeben: „Fabrikat: (in Hartporzellan) Gebrauchsgeschirre, als: Speise-, Kaffee-, 
Thee-, Wasch- und Hotel-Service etc., (in Parianporzellan) feine luxus- und Fantasie- 
Gegenstände. Spec.: patentirte keram. Specialitäten, als : Ziergefässe, Jardinieren, Luxus 
service mit Email- und Scharffeuerfarben (stylvoll decorirt), Wandbekleidungsfliesen (weiss 
u. decorirt). Export: sämmtliche Artikel. Weitere Erzeugnisse: Erdenschlämmerei- und 
Massemühlprodukte und Chamotteziegel” (Adreßbuch 1887, S. 64). In Wien besaß die Firma 
eine Niederlage (Wien I, Schellinggasse 14), ferner ein Musterlager im Porzellanhaus Ernst 
Wahliss. 
Dem Adreßbuch 1907 entnehmen wir etwa dasselbe Erzeugungsprogramm, zusätzlich 
„Puppenköpfe”, und der Malerei war bereits eine Druckerei beigegeben (Adreßbuch 1907, 
S. 298). Die Produkte der Fabrik wurden mit zahlreichen Preisen auf verschiedenen in- und 
ausländischen Ausstellungen ausgezeichnet. Um 1913 beschäftigte die Fabrik 450 Arbeiter 
(Adreßbuch 1913, S. 217). Aus dem vorhin Gesagten ergibt sich, daß die Firma ein um 
fangreiches Erzeugungsprogramm hatte, in das sich das abgebildete Tafelservice (Abb. 
352-359) gut einfügt. 
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