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Full text: Wiener Porzellan: Original, Kopie, Verfälschung, Fälschung

eingerichtet. Spezialisierte Fabriken entstanden, die die keramische Industrie mit den benö 
tigten Materialien versahen: von keramischen Grundmaterialien über Farben, Emails, Gold 
bis zu keramischen Buntdrucken wurde alles vorgefertigt und stand den Porzellanfabriken zur 
Verfügung; manche Fabriken boten sogar fertig aufbereitete Porzellanmasse an. 
Nur wenige Manufakturen konnten dem sich daraus ergebenden Preisdruck standhalten 
und das Reliefgold in der alten, zeitraubenden, kostspieligen Weise ausführen. Die meisten 
Fabriken wandten sich Surrogatmaterialien oder gar dem gestempelten Gold zu. 
Bereits von der Münchener Kunstgewerbe-Ausstellung des Jahres 1888 berichtete Alexan 
der Schmidt (Schmidt 1888, S. 862): 
„Gegen diese ächte und kostbare Altwiener Reliefvergoldung ist die neuere mit Emailunter 
lage eigentlich nur ein Surrogat. Man trägt mit Aufhöhweiß, Chinesischweiß, besser noch mit 
einem gelben Email das Relief der Ornamente auf, vergoldet dieselben und polirt nach dem 
Brennen. Aber jetzt ist auch oft das Polirgold entfallen und das Glanzgold an dessen Stelle 
getreten, nur der Billigkeit wegen. 
In dieser Imitation oder billigeren Copie der Altwiener Ausstattung hat auch Ernst Wahliß in 
Wien, der große Keramkaufmann, aus seiner eigenen Malerei eine reiche Collection von Por 
zellanen, meist böhmischer Herkunft ausgestellt, welche in der Anordnung der feinen Bild 
chen innerhalb der schön componirten, auf die Gefäße vertheilten Goldornamentik durchaus 
gelungen sind. 
Man hat, wie zu sehen, die Arbeit der Wiener Manufactur nicht vergessen. Bedauert man 
doch in Oesterreich mehr, als je, und nicht allein aus Localpatriotismus, sondern auch in den 
Kreisen der Künstler und sogar auch in denjenigen der Industriellen, die im Jahre 1864 er 
folgte Aufhebung der k.k. Aerarial-Porzellanmanufaktur. In Erinnerung an den Ruhm dersel 
ben hat man die zu ihrer Zeit und heute noch hochgewerthete Decorationsart wieder aufleben 
lassen. Zuerst that das der große Porzellankünstler, der alte Moriz Fischer in Herend in 
Ungarn, welcher aber den Stolz hatte, neben die Fabrikmarke Wiens, den kleinen nieder 
österreichischen Wappenschild mit einem Querbalken, seinen eigenen Stempel zu setzen. 
Mit der ausverkauften Hinterlassenschaft der Wiener Manufactur begann dann das Geschäft 
mit der Fälschung. Das weiße Porzellan mit der ächten Marke wurde decorirt und dem 
Kunst- und Antiquitätenhandel zugeführt. Als die Reste der Wiener Manufactur dann er 
schöpft waren, lieferten mehrere Fabriken das Porzellan zum Zwecke der Altwiener Ausstat 
tung mit der blauen Schildmarke und der eingestempelten älteren Jahreszahl. Jetzt hat die 
ses Täuschungsgeschäft ganz aufgehört, man nimmt jedes passende Porzellan und nennt in 
ehrlicher Weise die Decoration Altwien, Vieux Vienne. So hat sich dann Altwien bis heute er 
halten und sein Ruhm bleibt aufrecht. Dieses Altwien ist ein selbständiger Industriezweig ge 
worden, welcher besonders in Wien noch einige namhafte Vertreter hat und ein ziemlich 
großes Publikum, auch im Ausland. Zur rechten Würdigung der neueren Arbeiten dieser Art 
war es aber einmal nöthig, an das richtige und ächte Technische des Altwiener Reliefgoldes 
zu erinnern.” 
Der von Schmidt erwähnte Abverkauf weißer Vorräte bei Schließung der Manufaktur wird in 
seiner Bedeutung am Beispiel eines prominenten Tafelservices offenbar (Farbabb. 27, 28, 
S. 40, 41; Abb. 408, 412, 413). 
Im letzten Jahr des Bestehens der Wiener Porzellanmanufaktur, 1864, entstanden die For 
men zu einem Service für Erzherzog Leopold Wilhelm; das Service wurde vermutlich nur 
mehr zum Teil in der Wiener Manufaktur selbst in Umdrucktechnik dekoriert. Bei einer 
Henkelschale mit Untertasse (Abb. 412) wird man den Verdacht nicht los, daß die Henkel 
schale nicht mehr in der Wiener Porzellanmanufaktur ihren Dekor erhielt. Detailunterschiede 
im Ornament der Unter- und Obertasse bzw. in den Farben erhärten diesen Verdacht ebenso 
wie das Markenbild einer Wiener Firma auf der Unterseite der Henkelschale: ALBIN DENK’S 
W. K.K. HOFLIEFERANTIN mit Doppeladler (Abb. 413). Man weiß, daß das Wiener Handels 
haus Denk wie viele andere Firmen weißes Porzellan aus dem Nachlaß der Wiener Porzellan- 
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