Den Chemiekurs begann ich bei Professor Meissner, welcher
während des Schuljahres plötzlich seiner Stelle entsetzt
wurde, wie es hieß, weil er sich nach Oben unbeliebt gemacht
hatte, in einer Angelegenheit [wo er] sich nicht ducken
mochte. Wir Schüler waren ihm überhaupt zugethan, [also]
um so mehr empört. Er wohnte im nahen Brunn a. G., wir
brachten ihm da bei Fackelschein ein großes Ständchen und
andere Huldigung, ließen auch sein Bildnis von Kriebhuber lithographiren,
Meissner schrieb darunter die gewiß so bezeichnenden
als schönen Worte: „Lebe der Wahrheit! Möge
auch kommen, was da wolle, der bitteren Schmach der Selbstverachtung
entgehst du sicher!“ Ich habe sie seit nun fünfzig
Jahren worttreu im Gedächtnis bewahrt. Nach beiläufig 8 Tagen
trat Professor Schrötter an Meissner’s Statt in Begleitung
des Direktors Brechtl, der gar nicht beliebt und, wie wir gehört
hatten, die schuld an dem bösen Zwischenfall war, in den Hörsaal,
um die Vorlesungen wieder aufzunehmen. Unter uns
Schülern gab's eine Anzahl Polen, weiche sonst beisammen,
heute aber einzeln im Saale vertheilt waren und das Signal zu
einem gewaltigen Lärm gaben, in den wir Andern, anfangs
verblüfft, da wir eine derlei Auflehnung nicht kannten,
zunächst zaghaft, dann toller einstimmten, galt’s doch, unsern
lieben Meissner zu rächen. Direktor und Professor zogen ab.
Die Polen, auch nur ganz junge Leute, zeigten sich als geschulte
Revolutionäre. - Es erfolgte keine Untersuchung,
nach ein paar Wochen wurden die Vorlesungen wieder anstandslos
aufgenommen, aber ein zum guten Theil verlornes
Studienjahr blieb’s um so mehr, weil Schrötter nach einem
ganz anderen System lehrte als Meissner.
Unsere Heranbildung für das Geschäft hatte der Vater vom
Anfang an so wohl bedacht und verfolgt, wie gewiß kein anderer
Gewerbsmann selbst in weniger bescheidenen Verhältnissen
es gegenüber seinen Kindern that. Wiederholt sagte er
uns: „ihr müßt tüchtig lernen, denn was ihr wißt ist ein Kapital,
das euch nie verloren gehen kann, das Geld zu sagen
nicht zutreffend ist [kann wegrollen]. Ihr müßt weit mehr lernen
als mir möglich war, Zeichnen, fremde Sprachen u. s. w,, damit
ihr das Geschäft später auf eine höhere Stufe bringen könnt.“
Dem Vater schwebten aber bereits höhere Ziele vor. Wir mußten
freilich, denn die Form war nicht zu umgehen, als Lehrlinge
aufgedungen, zu Gesellen freigesprochen werden und
schließlich das Meisterstück liefern, um das Meisterrecht zu
erlangen - gemacht hat’s ein Anderer! Ich hätte nie den Befähigungsnachweis
erbringen können, den man dreißig Ja-hr-e
und einige Jahre später als unerläßlich, als die Rettung des
Gewerbes bedingend hinstellte. - Ein derlei Meisterstück zu
liefern, d. h. es selbst zu machen, vermochte bald einer, der
selbst das kleinste Geschäft nicht zu leiten verstand.
Wir beiden Brüder waren kaum älter denn 10, 12 Jahre, als
uns der Vater Unterricht im Gläserzeichnen geben iieß und
zwar von einem der verkrachten Eigenthümer des zugrunde
gegangenen Geschäftes vom Lobkowitzplatz. Vielleicht geschah
es theils auch, um dem eine zeitweise Unterstützung zu
bieten, denn lange dauerte es nicht. Aber schon da zeigte ich
mehr Lust dazu als mein Bruder, ich befaßte mich später mit
einschlägigen Tändeleien, kleckste und zeichnete weiter zu
meinem Vergnügen und als ich vollends in’s Geschäft trat, wo
wir uns wohl vorwiegend dem Verkaufe zuzuwenden hatten,
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264 Zeugnis von Ludwig Lobmeyr, k. k. polytechnisches Institut, 28. 2.1843
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Institut, 30. 9. 1844
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