mals bei dem wohl technisch gewandten, aber künstlerisch
[ganz] zurückgebliebenen Zustande der böhmischen Luxus
glasfabrikation und des Kunstgewerbes überhaupt noch sehr
wenig lernen. Es brauchte dazu erst des, infolge der Stadter
weiterung in den fünfziger Jahren, vor sich gehenden Auf
schwunges der Wiener Architektur unter Van der Nüll und Sik-
kardsburg, Hansen, Ferstel, später Schmidt und Semper, um
einen Aufschwung auch im Kunstgewerbe zu ermöglichen.
Dieser ward [dann] zunächst durch die nach dem Vorbild des
Kensington-Museums erfolgte Begründung des „Oesterreichi-
schen Museums“ durch Eitelberger herbeigeführt, wie uns
Lobmeyr ja selber erzählt.
Auf ihn wirkte aber der persönliche Umfang mit dioson [den
vorgenannten] Männern offenbar noch weit mehr ein, als die
bloße Doctrin. Wie stark aber dabei sein eigenes Naturell mit-
thätig war, das konnte man am besten bei der Pariser Welt
ausstellung von 1867 sehen, wo seine Fabrikate zum ersten-
male entschiedenes Aufsehen machten. Und zwar weniger
durch die Originalität der meist von Hansen antikisirend ge
zeichneten Motive, als durch die außerordentliche Reinheit
des Materials und der Detailformen, die mit einer Feinheit
[Strenge] und Zartheit ausgeführt waren, wie sie von keiner
anderen Fabrik irgend einer Nation erreicht wurden. - Damals
in Paris als Berichterstatter anwesend und mit Schmerz die
gänzliche Verwahrlosung der deutschen Kunstindustrie se
hend, machte ich bei der bereits einen erfreulichen Auf
schwung zeigenden österreichischen zuerst die Bekannt
schaft dieser Lobmeyr’schen Fabrikate [Erzeugnisse]. Sie hat
ten mit [denen] der übrigen böhmischen, einst so berühmten
Glasindustrie nichts gemein, als die Reinheit des schönen Ma
terials, zeigten aber schon damals statt der erschlafften und
stillosen, meist zopfigen Formen derselben eine strenge
Schönheit und wunderbare Präzision der Arbeit, so daß sie ei
nem [Einem] augenblicklich unter allen anderen auffielen. S+e
[Dabey] offenbarten [sie] aber auch schon damals alle mitein
ander einen so ganz persönlichen Charakter, daß ich fortan
Lobmeyr’sche Gläser überall, wo ich sie etwa [wie] in Mün
chen oder in Karlsbad ein Jahr später unter anderen stehen
sah, sofort an ihrem Adel und ihrer Srenge herauskannte,
selbst bei ganz einfacher Formgebung. - Ihnen in meinen da
mals vielgelesenen Berichten ein wohlverdientes Lob zollend,
verschaffte mir diese erste Anerkennung [einer offenbar schon
ganz fertigen künstlerischen Persönlichkeit]die Bekanntschaft
des später so berühmten Industriellen selber. - Dann [als ihm
mein Buch zukam] ef schrieb [er] mir von Ems aus, wo er sich
gerade aufhielt, eine Danksagung und lud mich ein, ihn bei
meinen damals häufigen Abstechern nach Wien doch auch
einmal aufzusuchen. Zu diesem Behufe schickte er mir seine
Photographie, nach der ich ihn denn auch richtig sofort her
ausfand unter einer Menge [von] Tischgäste[n] im „Erzherzog
Karl“, wo er damals dTnirte. Denn der mittelgroße, schlanke
und blasse Mann hatte in seiner auffallenden Ruhe und Ge
messenheit, wie den feinen, die Spuren langer Krankheit zei
genden Zügen etwas so Frappirendes, daß er einem fast no-
thwendig auffiel. Daß das kein gewöhnlicher Wirtshausgast
sei, sah man alsbald. In seiner [anspruch] a/vaegios feinen
Weise hatte er nichts vom Bureaukraten, ebensowenig das
Lauernde des Diplomaten oder das Trockene des Geschäfts-
Jäfc
(? Ec)
-E/rA. .'1*n.t. Elrz /.? i 'V'cs' fi' : ' Et/*/./■ tyrtyZ
t’ u-; c] c -i. = 1'R.c c4ä l’
<1/.^ f,’-,. »Hi
afsr^" t „vi .»*. f *.
233 Verleihung des „Ehrenbürger-Rechts“ der „k. k. Reichshaupt- und Resi
denzstadt Wien“ an Ludwig Lobmeyr, 27. 7.1889
233 Conferral of the freedom of the “Imperial Capital and Residence,
Vienna” to Ludwig Lobmeyr, 27th Juiy 1889
mannes. Man würde darum am ersten auf einen Künstler ge
schlossen haben, wenn dem nicht der helle Blick und das bei
aller Unbefangenheit doch gemessene Wesen widersprochen
hätte. Auf eine Vereinigung von Industriellen und Künstler, wie
man sie da in der Wirklichkeit vor sich sah, kam man schon
darum nicht, weil sie sich sonst so selten findet. Vorab in Ver
bindung mit dem idealen Zug, der den ganzen Mann charakte-
risirt, denn ttw [diesen] fand man erst im näheren Verkehr als
das beherrschende Moment heraus, so daß man sich dann
bald diesem gelassenen und doch so scharfblickenden Beob
achter gegenüber, der selber nie die heitere und bei aller auf
fallenden Anspruchlosigkeit doch überlegene Ruhe verlor,
ganz ungewöhnlich angenehm berührt fand. [Unstreitig aber
so] wie das nur bei Menschen der Fall ist, die vollendet feinen
Takt mit großem natürlichen Wohlwollen verbinden, so daß
man sich ihnen gegenüber sofort [auch] wohl und sicher vor
jeder Roheit oder [vor] jener Leidenschaftlichkeit fühlt, wie sie
den meisten Künstlern eigen. - Wer wäre da nicht schon ge
nialen Naturen bewundernd gegenüber gestanden, ohne doch
85