Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Die Verwendung weiblicher Arbeitskräfte in der Fabriks-Industrie und in einzelnen Zweigen des Verkehrswesens Österreichs - erläuternder Text zu einer Abtheilung der Ausstellung im Frauen-Pavillon

50

Die  Erzeugungsweise  der  Spitzen  ist  eine  sehr  verschiedene,  das  Gemeinsame  ist  der
durchsichtige  Grund  mit  einem  Muster  aus  stärkeren  oder  dichter  liegenden  Fäden.
Der  durchsichtige  Grund  kann  aus  einem  Gewebe  hergestellt  werden,  aus  dem  man
einzelne  Fäden  auszieht  und  dichte  Stellen  als  Ornament  stehen  lässt  oder  hineinstickt,
eine  V  erfahrungsweise,  wie  sie  in  Mähren  und  in  der  Hausindustrie  anderer  Länder  Oesterreichs
  angewendet  wird.  Ein  anderes  Verfahren  besteht  darin,  dass  man  den  Grund
quadratisch  netzt,  oder  auf  dem  Bobbinetstuhle  als  Vieleck  webt,  oder  mit  der  Nadel  näht,
oder  mit  Klöppeln  schlingt.
Auf  diesem  Grunde  wird  das  Muster  oder  das  Ornament  entweder  eingewebt  (Maschinenspitze), ­
  oder  mit  Klöppeln,  auf  welchen  der  Faden  wie  auf  einer  Spule  aufgewickelt  liegt,
eingeschlungen  und  eingeflochten  (Klöppelspitze),  oder  mit  Nadeln  hineingenäht  (Nadel-Spitzen,
  Points),  oder  als  besonders  gefertigtes  Ornament  eingestickt  und  aufgenäht  (Application ­
  oder  Blumennäherei).
Die  Klöppel  sind  drei  Zoll  lange,  hölzerne  Spulen  von  der  Stärke  eines  Gansfederkiels, ­
  auf  welchen  der  Faden  aufgewickelt  ist.  An  der  Spitze  hat  die  Spule  ein  kleines
Knöpfchen,  welches  bei  dem  Gebrauche  des  Klöppelns  das  Abrutschen  des  Fadens  verhindert. ­
  Der  untere  Tlieil  endet  mit  einem  stärkeren  Wulste,  auf  welchem  die  hölzerne  Hülse
(das  Dütchen)  aufsitzt,  zu  dem  Zwecke,  um  den  auf  dem  Klöppel,  aufgewickelten  Faden  vor
Staub  und  vor  der  schwitzenden  Hand  der  Arbeiterin  zu  schützen.
Die  Breite  der  in  Angriff  genommenen  Spitze  entscheidet  über  die  Anzahl  der  zu
verwendenden  Klöppel;  zur  schmälsten  Spitze  sind  wenigstens  acht  Klöppel  mit  eben  so
vielen  Fäden  nothwendig,  um  die  Verschlingungen  des  Netzes  auszuführen,  das  eine  Masche
(von  den  Erzgebirgs-Klöpplerinnen  „Schlag“  genannt)  bildet.  Die  Maschen,  aus  welchen  der
Grund  der  Spitze  besteht,  sind  verschieden,  enger,  weiter,  vier-  oder  sechsseitig,  leer  oder
gefüllt  und  schon  diese  Verschiedenheit  gibt  dem  Grund  ein  Muster.  Nun  wendet  man
mehrere  dickere  Fäden  (Einschlagzwirn)  an,  welche,  auf  besondere  Klöppeln  aufgewickelt,  in
den  Grund  mit  eingeschlungen  werden.  Die  Arbeit  selbst  ist  schwer  zu  beschreiben.  Wer
einer  Köpplerin  das  erste  Mal  zusieht,  wie  sie  an  einem  Klöppelpolster  mit  hundert  und
mehr  Klöppeln  hantirt  und  dieselben,  zu  vier  bis  acht  und  mehr  zwischen  den  Fingern
vertheilt,  durch  einander  wirft,  dem  kommt  die  Arbeit  vor,  als  ob  die  Hände  in  dem  laut
klirrenden  Haufen'  Klöppel  herumwühlten,  und  dabei  sieht  er  aus  den  wimmelnden  Verschlingungen ­
  Masche  an  Masche  hervorgehen.  Jede  Masche  wird  mit  einer  Stecknadel
auf  der  Unterlage  von  rothem  Kartenpapier,  das  zugleich  die  Zeichnung  und  die  für  die
Stecknadeln  vorgestochenen  Löcher  trägt,  auf  dem  Polster  befestigt  und  die  Fäden  waren  zu
einer  neuen  Verschlingung  genetzt.  So  nimmt  die  Klöpplerin  der  Reihe  nach,  von  rechts
nach  links  und  wieder  von  links  nach  rechts,  immer  eine  neue  Anzahl  Klöppel,  um  neue
Maschen  aneinander  zu  fügen  und  die  Arbeit  geht  so  rasch,  dass  von  einer  etwa  einen
halben  bis  einen  Zoll  breiten  Spitze  täglich  mehrere  Ellen  fertig  werden.  Je  breiter  und
verzierter  die  Spitze,  desto  langsamer  schreitet  die  Arbeit  vor.
Der  Verdienst  der  Arbeiterin  hängt  von  dem  Fleisse  und  der  Geschicklichkeit  ab,
denn  alle  Spitzenarbeit  wird  nach  dem  Stücke  gezahlt.  Die  Höhe  des  Lohnpreises  richtet ­
  sich  nach  dem  Verhältniss  der  Nachfrage  und  die  Arbeiterin  hängt  fast  immer
vom  Spitzenhändler  ab,  welcher  den  Preis  selten  auf  die  Höhe  des  gewöhnlichen  Taglohnes
hebt,  weil  er  weiss,  dass  die  Klöpplerin  es  vorzieht,  zu  Hause  in  der  Stube  zu  sitzen,  als
im  Freien  zu  arbeiten.  Nur  selten,  bei  starker  Nachfrage,  steigt  der  Klöppellohn  im
Allgemeinen  über  den  gewöhnlichen  Taglohn,  und  nur  sehr  geschickte  Arbeiterinnen  ver-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.