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Nach ihrer Herstellungsweise zerfallen die Mieder oder Corsets in genähte und naht
lose. In Frankreich und Süddeutschland ist die fabriksmässige Erzeugung der letzteren
geradezu schwunghaft zu nennen. Es kommen ebenso prachtvoll ausgestattete als solche
zu bemerkenswerth niederen Preisen in den Verkehr.
Auch bei diesem vom Standpuncte der Schönheit, wie dem der Gesundheit bedeut
samen Kleidungsstücke spielt der Jacquard-Stuhl eine hervorragende Kolle. Er allein er
möglichte die äusserst sinnreiche Herstellungsweise des Gewebes, wie sie Fontaine in
Lyon ersann und welcher M. Alcan in einem im August 1853 erstatteten Berichte an
die Gesellschaft zur Ermunterung der nationalen Industrie die lebhafteste Anerkennung
zollte. Allerdings beschränkte sich Fontaine nicht blos auf das Weben eines Stoffes, der
nicht nur kleiden, sondern auch stützen, nicht nur bedecken, sondern auch die äussere
Erscheinung wirksamer machen soll. Auf Grund vieler und eingehender Beobachtungen
construirte er 8 Haupttypen von Büsten und innerhalb jeder derselben wieder 18 Typen
von verschiedener Grösse. Die Erfolge dieser Verbesserungen, zu welchen sich allerdings
noch einzelne von verhältnissmässig untergeordneter Bedeutung gesellten (imitirtes Fisch
bein, Fallenlassen der Tragbänder, Aufschnürungsvorrichtung u. s. w.) sprechen sich in der
Vervollkommnung und den Preisen dieses Artikels und seinem ausserordentlichen Ab
sätze aus.
Erzeugung' von Kleidung'ssttlcken.
Was die innere Organisation des Kleidermachergewerbes bei uns betrifft, so theilt
sich dieser Industriezweig immer deutlicher in zwei Branchen: a) in die fabriksmässige
Erzeugung durch Schneider und Kaufleute. Namentlich sind in Betreff der Männerkleider
mehrere grosse exportirende Confectionsanstalten entstanden, welche theils selbst erzeugen,
theils die sogenannten Stückmeister des Kleingewerbes in grosser Ausdehnung beschäftigen
(mit Arbeit verlegen); b) in die stets mehr zurückgehende Arbeit auf Bestellung.
Bei der Erzeugung von Männerkleidern werden in Wien bis jetzt weibliche
Arbeitskräfte nur wenig verwendet, obwohl sich dieselben für mannigfache Arbeiten dieses
Zweiges gut eignen würden. Ebenso wäre die Beiziehung voii Arbeiterinnen zur Anferti
gung von Kirchen-Ornaten u. dgl. sehr zu empfehlen.
Bei der Erzeugung von Frauenkleidern und Miedern, in welcher grössten-
theils nach Pariser und Berliner Modellen gearbeitet wird, ist die Beschäftigung von Ar
beiterinnen gegen jene von männlichen Arbeitern überwiegend; in einzelnen Etablissements
werden ausschliessend Frauenspersonen beschäftigt, in den meisten findet die Verwendung
derselben in der Weise statt, dass bestimmte Arbeiten von männlichen Arbeitern, andere
wieder von Frauenspersonen verrichtet werden.
Im Ganzen genommen, wird bei der Erzeugung von Frauenkleidern die weibliche Ar
beitskraft zu folgenden Arbeiten verwendet:
a) zum Verrichten von Gängen bei Einkäufen, Ablieferungen etc.;
b) zum Abspulen von Seide, Wolle und Zwirn für die im Betriebe stehenden Näh
maschinen ;
c) zu N äharbeiten mittelst der Hand und Maschine für alle Arten von Kleidungs
stücken und für Mieder;