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Full text: Neubauten und Concurrenzen in Österreich und Ungarn, 1. Jahrgang 1895

Neubauten und Concurrenzen in Oesterreich und Ungarn. 
damit nicht wegen Brennstoffersparung oder Bequemlich 
keit des Heizers die Lüftungsanlage ausser Betrieb bleibt. 
Wird die Ueberwachung thatsächfich ausgeübt, wie z. B. 
in den neueren Schulen Dresdens und München s, die in 
dieser Weise ausgestattet sind, so ergeben sich in jeder 
Hinsicht befriedigende Ergebnisse. Die Yonvarmmm der 
Ventilationsluft auf Zimmertemperatur findet dort an mit 
Niederdruckdampf gespeisten Rippenröhren in Keller 
heizkammern statt, von wo aus Zuluftwege zu den ein 
zelnen Lehrzimmern führen und dort in mehr als Mannes 
höhe übel dem l' ussboden ausmünden. Die Heizung wird 
durch örtliche Niederdruckdampf-Heizkörper (in dcr^Regel 
m der Ecke der Mittelmauer und der Tafel wand auf 
gestellt) bewirkt. Wo wegen beschränkten Raumes oder 
aus ästhetischen Rücksichten die Anbringung der örtlichen 
Heizkörpei nicht thunlich ist, oder wo mancels einer 
ausreichenden technischen Aufsicht über den Hetzer dem 
selben die Möglichkeit der Ausschaltung des Yentilations- 
betriebes thunlichst entrückt werden soll, empfiehlt es 
sich, eine Niederdruckdampf-Luftheizung einzu 
richten. Hiebei ist. ähnlich wie bei den Feuerluftheizungen, 
die m den im Keller angeordneten, mit Aussenluft°ge- 
speisten Heizkammern erwärmte Luft die Wärmeträgenn; 
in den Heizkammern befinden sich die Dampfheizkörper.' 
als welche gewöhnlich gusseiserne Rippenrohre dienen: 
während der Anheizzeit steigt die auf etwa -(-40° C. er 
wärmte Luit durch in der Mauer ausgesparte Schläuche 
in die zu beheizenden Räume, gibt dort einen Theil ihrer 
Wärme an die Umfassungsmauern ab, um dann abgekühlt 
durch die Abluftschläuche ins Freie zu gelangen. Während 
der Benützung der Räume wird die Zuluft nur mit einem 
solchen V ärmegrad in dieselben entsendet, welcher der 
zu erhaltenden Temperatur gleichkommt oder dieselbe 
nur wenig übersteigt: die Zuluft dient dann vornehmlich 
dem Ventilationszwecke; die Regelung der Lufttemperatur 
jedes einzelnen Schlauches — und deren gibt es für jedes 
Zimmer einen besonderen — geschieht durch Handhabung 
der Mischvorrichtungen, mittelst welcher nach Belieben 
bloss warme Luft aus der Heizkammer, oder ein Gemenge 
solcher mit kalter Aussenluft in den Zuluftschlauch ge 
leitet werden kann.*) 
ln den neueren Schulhäusern Wiens und zwar der 
zeit schon in mehr als zwanzig Gebäuden haben sich die 
so eingerichten Heiz- und Lüftungsanlagen bestens be 
währt, was namentlich aus den Urtheilen der Schulleiter, 
welche das System zum Theile mit den lebhaftesten 
Ausdrücken als vortrefflich bezeichnen, deutlich hervor 
geht. Füi jene Räume, deren Abkühlung eine sehr grosse 
ist, dienen zur Ergänzung der Nicderdruck-Dampfluft- 
heizung kleine örtliche Heizkörper, welche jedoch nur 
zu den kältesten Zeiten in Betrieb genommen werden. 
Die Aborte und Gänge werden nur mit örtlichen Nieder 
druckdampf-Heizkörpern beheizt; um für die Anstandsorte 
die dort so nöthige ausgiebige Ventilation zu schaffen, 
sind die betreffenden Heizkörper durch Holz- oder Blech 
verkleidungen so umhüllt, dass (mit Ausschluss der 
Kreislaufheizung) bloss bei gleichzeitiger Zufuhr neuer 
Luft eine Heizung möglich ist. 
V enn in einem bereits bestehenden Gebäude eine 
Heizung mittelst Niederdruckdampfes eingerichtet werden 
*) Näheres in des Verfassers „Ueber Lüftung und Heizung 
insbesondere von Schulhäusern, durch Niederdruckdampf-Luftheizung “ 
A. Hartlebens Verlag, Wien, Pest, Leipzig 
soll, so wird man in der Regel nicht in der Lage oder 
des V illens sein, die für eine Luftheizanlage erforder 
lichen weiten Zuluftschläuche zu schaffen. Hier wird sich 
die Anordnung örtlicher Heizkörzer empfehlen, zu welchen 
behufs ^ entilation die Luft von Aussen zuzuführen ist. 
Bei jenen Heizkörpern, die in Fensternischen aufgestellt 
werden, ergibt das theilweise Durchstemmen der Fenster 
brüstungsmauern eine einfache Lösung. Die Installirung 
der Dampf- und Condensleitungen ist auch in alten Ge*- 
bäuden an sich nicht übermässig schwierig und gewiss 
nicht mit mehr Umständen verbunden, als die Einbauung 
einer Warmwasserheizung. Eines darf selbstverständlich 
unter keinen Umständen übersehen werden; der zur 
Aufstellung der Kessel bestimmte oder zu schaffende 
Raum muss ausreichende Grösse haben und darf nicht 
durch aufsteigendes Grundwasser zeitweise 
werden, da sonst der Betrieb 
des Raumes gehemmt würde. 
unzugänzlich 
und damit die Benützung 
i T , o Uebrigens unterliegen die 
JNiederdruckdampfkessel nicht den für andere Dampfkessel 
geltenden strengen gesetzlichen Bestimmungen; die Wahl 
des 1 latzes für das Kesselhaus ist daher eine bei Weitem 
leichtere. Nebenbei mag daran erinnert werden, dass der 
Schornstein, ron dessen erforderlicher Querschnittsgrösse 
bei Leibe nichts abzuhandeln ist, eine mächtige Wärme 
quelle darstellt, und dass daher dessen Anbringung nächst 
wichtigen, heikel zu behandelnden Räumen zu vermeiden 
ist; sonst erzeugt die durch Schornsteinmauern abgegebene 
W arme eine nicht zu bändigende Uebererwärmung. 
Durch Niederdruckdampf kann, wie gezeigt, die 
A entilationsluft aut mehrere durchaus befriedigende Arten 
\ orgewärmt werden. Die Art der Einbringung der neuen 
Luft in die Räume ist eine beliebige; die Ventilation 
von oben nach unten, bei welcher im Winter die 
verdorbene Luft durch Oeffnungen nächst dem Fussboden 
m die Abluftschläuche gelangt, ist ebenso gut möglich, 
die Abluft nächst 
al 
!s jene von unten nach 
oben, 
wo 
der Decke entweicht. Letztere Anordnung, die wir bei 
spielsweise in den hiesigen Hoftheatern vorfinden, ist 
unleugbar die theoretisch richtigere; ihrer Venvirklichung 
stellen sich aber nebst den hohen Kosten des Winter 
betriebes manche ernste Schwierigkeiten hemmend ent 
gegen. insbesondere die Misslichkeit der steten Staubauf 
wirbelung durch die von unten etwa durch zahlreiche 
Oeffnungen im Fussboden einzubringende Zuluft. Wenn 
auch dei alte Streit über diese Frage eben jetzt in Eng 
land auflodert und dort Flugschriften die Gefahren der 
down-draught-ventilation, bei welcher die ihrer Wärme 
wegen zunächst aufsteigenden, gasförmigen Ausscheidungen 
des menschlichen Körpers beim Herabsinken wieder ein- 
geathmet werden können, in den lebhaftesten Ausdrücken 
schildern, so wird doch, wie die Verhältnisse derzeit 
hegen, nur in selteneren Fällen die Ventilation von unten 
nach oben, während des Winters Anwendung finden. 
Wenn der Fortschritt in Betracht gezogen wird, den 
die Entwicklung der Heiztechnik in den letzten Jahr 
zehnten aufweist, so kann mit vollem Wrtrauen von 
einer nicht zu fernen Zukunft erwartet werden, dass auf 
dem bedeutsamen Gebiete der Heizung und Lüftung auch 
weitere wichtige Vervollkommnungen werden erzielt 
werden, der Gesundheit des Städters zum Heile, der ja 
die weit grössere Hälfte seines Lebens in geschlossenen 
Räumen verbringt. Hermann Beraneck. 
Gelegentlich des am 13. März gefeierten Schinkel-Y&^% im 
Architektenvereine in Berlin sprach der auch hier durch sein preis- 
ge röntes Project für einen General-Regulirungsplan von Wien be 
kannte Baurath Stubben aus Cöln Über Städtebau in Geschichte und 
Gegenwart. Wir geben den interessantesten Theil seiner Ausführungen 
wieder, welche, wenn auch zunächst auf deutsche Verhältnisse be 
zogen nicht minder auf die unseren passen. Der Vortragende schilderte 
zunächst den gewaltigen Umschwung, der durch die veränderten 
Verkehrsbedingungen in der Bedeutung der Städte eintrat und 
charaktensirte den Zug nach der Stadt als bezeichnend für die zweite 
BAU- UND KUNSTCHRONIK. 
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Bei einer Bevölkerung Deutsch- 
l a “ d A s vo , n 3S Mdhonen im Jahre 18S0, von 40 Millionen im Jahre 
18/0 und o0 Mi honen im Jahre 189S hat sich die Landbevölkerung 
mit rund 26 Millionen so ziemlich in gleicher Höhe gehalten wo 
nach sich von selbst ergibt, dass unter dem Einfluss der Freizügig- 
und Gewerbefreiheit die Einwohnerzahl der gesammten Städte 
von 9 auf Ib und dann auf 24 Millionen gestiegen ist. Die Zunahme 
um 10 Millionen seit 1870 lässt erkennen, dass in den letzten 
25 Jahren der Städtebau im engeren Sinne, das heisst die planmässige 
Ausgestaltung, Verbesserung und Erweiterung vorhandener Anlagen 
►V ' VL*, (»s 4
	        
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