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MAK

Full text : Neubauten und Concurrenzen in Österreich und Ungarn, 1. Jahrgang 1895

Nr.  8.

Neubauten  und  Concurrenzen  in  Oesterreich  und  Ungarn.

Seite  79.

bietet  das  englische  Parlamentshaus  Barry's  mächtige
Massen  und  grosse  Linien,  aber  durch  Kleinheit  und
Vielfältigkeit  des  Details  ist  der  Gesammteindruck  ein
verschwommener.  Dagegen  ist  die  innere  Ausstattung
und  ihre  Wirkung  geradezu  herrlich,  und  es  ist  begreiflich, ­
  dass  dieser  Bau  von  entscheidendem  Einflüsse  war
auf  die  moderne  englische  Architektur  und  noch  mehr
auf  das  moderne  englische  Kunstgewerbe.  Man  kann  daher
den  Autor  der  inneren  Decoration  von  Westminster,
Welby  Pugin,  als  den  Hauptvertreter  der  gothischen
Renaissance  (Gothic  Revival)  in  England  bezeichnen.
Die  Architekten  waren  aber  durchaus  nicht  eines
Sinnes  über  die  Art,  wie  man  die  Gothik  wieder  verwenden ­
  solle.  Man  kann  unter  ihnen  drei  Kategorien
unterscheiden:  erstens  die  Archäologen,  welche  kein
Compromiss  zuliessen,  sondern  eine  strenge  Copie  der
altenglischen  Bauweise  forderten;  zweitens  diejenigen,
welche  die  alten  Formen  mit  modernen  Anschauungen
in  Einklang  zu  bringen  trachteten;  und  endlich  die  Eklektiker, ­
  welche  die  mittelalterlichen  Formen  ohne  Rücksicht ­
  auf  Datum  und  Ursprung  verwendeten.  Selbst  die
hervorragendsten  der  im  gothischen  Style  in  neuester  Zeit  in
England  ausgeführten  Bauten  aufzuführen,  ist  unmöglich.
Aus  ihrer  ungemein  grossen  Zahl  seien  erwähnt:  der
neue  Gerichtshof  (Law-Court)  am  Strand  in  London  von
Edmund  Street,  ein  Bau,  der  für  unsere  Auffassung  zu
strenge  und  zu  kalt  ist,  aus  welchem  aber  die  ganze
Romantik  Old-Englands  uns  entgegensieht.  Das  herrliche
Denkmal  des  Prinz-Gemals  Albert  (Albert-Memorial)  im
Hyde-Park  von  Gilbert  Scott  dem  Aelteren  mahnt  an
italienische  Gothik,  während  das  mächtige  Rathhaus  in
Manchester  von  Alfred  Waterhouse,  das  im  Jahre  1869
begonnen  wurde,  den  Oesterreicher  lebhaft  an  das  (spätere)
Wiener  Rathhaus  erinnert.
So  discreditirt  auch  eine  zeitlang  die  classischen
Formen  in  England  waren,  sie  hatten  immerdar  ihre
getreuen  und  ausdauernden  Vertreter,  so  dass,  als  das
Publicum  der  düsteren,  schweren  Gothik  im  Wohnhausbaue ­
  überdrüssig  wurde,  es  ihnen  nicht  schwer  war,  sich
zunächst  in  der  bürgerlichen  Architektur  rasch  wieder
Geltung  zu  verschaffen.  Es  geschah  dies  durch  Hervorholung
  jenes  Styls  intimster  Einfachheit,  welcher  als  Styl
der  Königin  Anna  (Queen  Anne)  bekannt  ist.  Es  ist
noch  eine  Menge  gut  erhaltener  Beispiele  dieses  sehr
bescheidenen,  manchmal  sogar  armseligen  Styles  in  England ­
  erhalten.  Das  Verdienst,  ihn  in  der  Gegenwart  auf
eine  hohe  Stufe  künstlerischen  Werthes  gebracht  zu  haben,
gebührt  zweien  noch  rüstig  schaffenden  Londoner  Architekten: ­
  Normann  Shaw  und  Eden  Nesfield.
Als  Shaw  im  Jahre  1864  ein  altes  Haus  in  der
Grafschaft  Kent  zu  restauriren  hatte,  ward  er  von  den
Formen  dieses  Hauses  so  sehr  gefangen  genommen,  dass
er  sich  entschloss,  der  Gothik,  die  er  bisher  allein  gepflegt
hatte,  zu  entsagen,  und  an  Stelle  der  Spitzbogenfenster
viereckige  anzuwenden.  Nesfield  entschloss  sich  bei  einem
Schlossbau  statt  der  gothischen  Fenster  sogenannte  Sash-Windows
  (wörtlich:  Galgenfenster)  herzustellen,  d.  h.

durch  ein  steinernes  Fensterkreuz  getheilte.  Das  waren
die  Anfänge  des  neuen  Styls.  Er  kam  zum  vollen  Durchbruch ­
  beim  Baue  eines  kleinen  Pförtnerhauses  am  Eingänge ­
  in  den  Regent-Park  durch  Nesfield.  Neu  an  ihm
war  die  malerische  Gruppirung,  die  vollkommene  Ausserachtlassung
  der  Symmetrie,  aber  auch  der  gothischen  sowie
der  classischen  Formen.  Malerisch  in  der  Anordnung
ebenso  wie  in  Farbe  und  Form,  passt  sich  dies  kleine
Häuschen  so  sehr  der  Landschaft  an,  dass  man  den  Beifall ­
  begreift,  den  es  fand.  Gleichsam  über  Nacht  eroberte
sich  dieser  Styl  in  dem  classischen  Lande  des  Einfamilien-Hauses
  die  allgemeine  Gunst.
Wenn  der  alte  Gemeinplatz,  dass  das  englische
Wohnhaus  nackt,  kalt,  unkünstlerisch  sei,  für  die  älteren
Bauten  zutrifft,  die  modernen  Familienhäuser  haben  sich
über  diesen  Vorwurf  erhoben:  mit  den  einfachsten  Mitteln
w T erden  sehr  gefällige,  reizvolle,  oft  künstlerisch  sehr
bedeutsame  Wirkungen  erzielt;  dabei  kommt  aber  der
Charakter  des  Modernen,  Neuen,  wie  nirgends  anderswo
zum  Ausdrucke.  Es  ist  eben  lange  nicht  mehr  der  Styl
der  Königin  Anna,  sondern  ein  moderner  Styl,  welcher
auf  gründlichem  Studium  sowohl  der  Gothik,  wie  der
Antike  beruht  und  den  modernsten  Anforderungen  gerecht
wird.  Man  hat  ihm  darum  auch  andere  Namen  geben
wollen:  Free  classic  (freiclassischer)  oder  Victoriastyl,  aber
keiner  dieser  Namen  hat  sich  behauptet.  Er  bleibt  der
Stil  Queen-Anne,  charakteristisch  durch  seine  Farben
weiss  und  roth,  die  auf  dem  Lande,  wo  sich  die  alt
geübte  Zimmerei  noch  behauptet,  eine  rusticale  Variante
erleiden,  indem  sich  die  weisse  Mauerfüllung  von  der
braunen  Holzfarbe  abhebt.
Aber  Queen-Anne,  das  von  so  einfachen  Vorbildern
ausgeht,  hat  in  kurzer  Zeit  so  hohe  künstlerische  Durchbildung ­
  erfahren,  dass  sie  bereits  an  monumentale  Aufgaben ­
  sich  heranwagen  kann.  Die  Terracotta-Fagade  der
Technischen  Schule  hinter  dem  Gerichtshof  am  Londoner
Strand  von  Waterhouse  muss  diesem  Style  zugerechnet
werden.  Desselben  Architekten  mächtiges  naturhistorisches ­
  Museum  in  South-Kensington  dagegen  lässt  schon
sehr  stark  den  romanischen  Einfluss  erkennen,  der  sich
in  jüngster  Zeit  in  der  Architektur  Englands  kundgibt,
während  das  Imperial-Institut  von  Thomas  Colcutt  mehr
der  Renaissance  zuneigt.
Das  englische  Kunstgewerbe  hat  seit  langem  den
Weg  auf  den  Continent  gefunden,  wo  es  anregend  und
erfrischend  wirkt.  Voraussichtlich  wird  ihm  die  Architektur
folgen.  Es  wäre  dies  freudigst  zu  begrüssen,  denn  es  sind
seltene  Vorzüge,  welche  die  moderne  englische  Architektur
auszeichnen:  Während  sie  peinlich  bemüht  ist,  den  raffinirtesten
  Bedürfnissen  und  Anforderungen  des  praktischen
Lebens  zu  genügen,  perhorrescirt  sie  die  anderswo  herrschende ­
  Gepflogenheit,  mit  überlieferten  Formen  zu  spielen.
Bei  strengster  Wahrung  constructiver  Richtigkeit  und  Logik
will  sie  dem  neuen  Inhalt'auch  neue  Formen  geben;  sie
bemüht  sich  wenigstens,  eine  moderne  Bauweise  zu  sein.
Arch.  Marmorek.

CONCURRENZ-NACH  RICHTEN.

Die  Cur-Inspection  in  Luhatschowitz  schreibt  behufs  Erlangung
geeigneter  Pläne  für  den  Bau  eines  Curhauses  in  Luhatschowitz  eine
Concurrenz  aus.  Preise:  300  fl.  und  150  fl.  Termin  15.  September  1.
J.  Bauprogramme  und  Situationspläne  sind  von  obiger  Cur-Inspection
unentgeltlich  zu  beziehen.
Der  ungarische  Ingenieur-  und  Architektenverein  schreibt  zur
Verfassung  von  geeigneten  Plänen  für  ein  grösseres  Provinztheater
einen  Concurs  aus.  Einreichungstermin  6.  Jänner  1896.  Preis:  die
grosse  Vereinsmedaille  und  ein  Reisestipendium  von  600  fl.  Jury-Mitglieder
  sind:  Professor  Alois  Hauszmann,  ferner  Kamill  Füller,  Otto
Tandor,  Eduard  Lechner,  Koloman  Giergl  und  zwei  Mitglieder  des
Landesrathes  für  bildende  Künste.
Behufs  Erlangung  von  Plänen  für  den  Bau  einer  Bürgerschule
schreibt  der  Ortsschulrath  in  Klattau  eine  Concurrenz  aus.  Erster
Preis  500  fl-,  zweiter  Preis  250  fl.  Projecte  nebst  Kostenvoranschlägen
sind  bis  1.  September  d.  J.  einzusenden.  Nähere  Behelfe  können  vom
Vorsitzenden  Johann  Frank  bezogen  werden.
Canalisirung  der  Stadt  Temesvar.  I.  Preis  8000,  II.  Preis
4000,  III.  Preis  2000  Kronen.  Im  Falle  das  Project  des  mit  dem  ersten

Preise  Prämiirten  zur  Ausführung  gelangt,  erhält  derselbe  noch  ein
Honorar  von  2000  Kronen.  Behelfe  sind  durch  das  städtische  Ingenieuramt ­
  in  Temesvär  um  den  Betrag  von  10  Kronen  erhältlich.
Einreichungstermin  1.  November  1895.
Zur  Gewinnung  von  Entwürfen  zum  Neubau  des  Rathhauses
in  Jauer  in  Schlesien  wird  unter  den  deutschen  Architekten  ein  Wettbewerb ­
  veranlasst.  Für  die  besten  Pläne  sind  Preise  von  1000,  750
und  500  Mark  ausgesetzt,  die  unbeschadet  der  Gesammtsumme  auch
anderweitig  vertheilt  werden  können.  Ausserdem  sind  500  Mark  zum
eventuellen  Ankauf  von  Entwürfen  bereit  gestellt.  Die  Bausumme  beträgt ­
  rund  130.000  Mark.  Das  Preisrichteramt  haben  die  Herren:
Regierungs-  und  Baurath  Hossjeld  in  Berlin,  Stadtbaurath  Flüddemann
in  Breslau,  Provinzial  -  Conservator  Lutsch  in  Breslau,  Bürgermeister
Lindeviann  und  Stadtverordneten-Vorsteher  Sanitätsrath  Dr.  Dorn
übernommen,  welche  sich  mit  dem  Programm  einverstanden  erklärt
haben.  Die  Entwürfe  sind  bis  zum  20.  September  1895  Abends  6  Uhr
an  den  dortigen  Magistrat  einzusenden.  Von  diesem  sind  die  Unterlagen ­
  unentgeltlich  zu  beziehen.  Das  Urtheil  der  Preisrichter  wird  in
der  Deutschen  Bauzeitung  und  im  Centralblatt  der  Bauverwaltung
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