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Full text: Neubauten und Concurrenzen in Österreich und Ungarn, 3. Jahrgang 1897

Nr. 10. 
Neubauten und Concurrenzen. 
Seite 75. 
tung Wiens für die Gewinnung und den Absatz dieser 
Baumaterialien geschaffene günstige Marktlage dauerte in 
der Berichtsperiode (1896) fort, und waren infolgedessen 
die Bruchsteinbrüche sehr gut, die in ziemlich beschränktem 
Umfange betriebenen Werksteinbrüche genügend beschäf 
tigt. Bei dieser Sachlage und der ihr entsprechenden reich 
lichen Entlohnung der Arbeiter ruhte die Strikebewegung 
vollständig. Von den hier sich eng anschliessenden Stein 
metzarbeiten hebt der Bericht hervor, dass die grösseren 
Steinmetzgeschäfte in der Berichtsperiode quantitativ ziem 
lich gut beschäftigt waren, da das rasche Fortschreiten der 
Stadtbahnbauten, der Canal-, wie auch der Kirchenbauten 
einen starken Bedarf an Steinmetzarbeiten hervorriefen. 
Dagegen blieb die Nachfrage von Seite der Privatbauten 
schwach. Stuccatur verdrängt den soliden Stein, so dass 
sich die Thätigkeit des Steinmetzes fast lediglich auf die 
Lieferung der nothwendigsten Stiegenstufen .beschränkt. 
Die für die Um- und 
Neubauten gewährte 
partielle Steuerfreiheit, 
hat dem Gewerbe inso- 
ferne nicht besonders 
genützt, als der grösste 
Theil der couranten 
Arbeiten von auswärts 
geliefert wurde. Wäh 
rend in früheren Jahren 
b : s einschliesslich 1880 
das für Bauten zu Stie 
genstufen erforderliche 
Material aus den nieder 
österreichischen und den 
angrenzenden ungari 
schen Brüchen beige 
stellt und in Wien aus 
gearbeitet wurde, erfolgt 
letzteres gegenwärtig 
nur ausnahmsweise in 
geringem Umfange, und 
hat die Platzarbeit fast 
nur das Versetzen fer 
tiger Ornamente an Ort 
und Stelle zu besorgen. 
Schuld hieran tragen die 
Wiener Arbeitsverhält- 
nisse, da bei der fort 
schreitend verkürzten 
Arbeitszeit und den 
hohen Arbeitslöhnen das 
Steinmetzgewerbe Wiens 
mit den Steinmetzen 
Ungarns, Böhmens, 
Schlesiens und des Karst 
gebietes nicht concurriren kann.« 
»Das von den niederösterreichischen Brüchen be 
triebene Monumentgeschäft hat theils unter der Ein 
fuhr fertiger Granite aus Böhmen und Schlesien, theils 
aber durch capitalsschwache Abnehmer so gelitten, dass 
die Marmorbrüche über Unsicherheit des Absatzes klagen. 
Die Rentabilität des Gewerbes hat, nachdem die Preise 
der Rohstoffe gestiegen, jene der fertigen Waare aber 
der massenhaften Einfuhr aus anderen Kronländern wegen 
unverändert geblieben sind und die Abrechnung mit den 
Parteien selbst bei verabredeten Preisen vielfach mit 
Schwierigkeiten verbunden ist, trotz des grösseren Be 
darfes sich jedenfalls verringert, und dadurch hat auch 
die gedeihliche Entwicklung der Branche gelitten.« 
»Gyps. Der Consum von Kern- und Dielengyps 
hat im vergangenen Jahre soweit zugenommen, dass die 
Mehrzahl der bestehenden Gypswerke bis zu drei Vier 
theilen ihrer Leistungsfähigkeit beschäftigt war; dagegen 
zeigte sich für die feineren Sorten weniger Begehr.« 
»Hydraulische Bindemittel. Die im Berichts 
jahre nahezu in vollem Umfange aufgenommene Aus 
führung der Wiener Verkehrsanlagen im Verein mit der 
auf dem hiesigen Platze wesentlich erhöhten communalen 
und privaten Bauthätigkeit rief einen sehr beträchtlichen 
Bedarf von Portland- und Romancement hervor. Da 
jedoch ein grosser Theil der einschlägigen Lieferungen 
auf Grund von Schlüssen aus dem Jahre 1895 und sogar 
1894 effectuirt wurde, konnte schon deshalb bei der 
Deckung derselben eine Preisbesserung nicht erzielt 
werden. Aber auch bei den in der Berichtsperiode zur 
Vergebung gelangten namhaften Cementlieferungen konnte 
nicht nur mit höheren Forderungen nicht durchgedrungen 
werden, sondern es mussten in manchen Fällen selbst 
neuerliche Preisnachlässe zugestanden werden. Denn 
mangels grösserer Bauten von Eisenbahnen und Wasser 
strassen in den Provinzen bildete der Wiener Baumarkt 
nach wie vor den Gegenstand der Bewerbung der ge- 
sammten einheimischen Cementindustrie, so dass trotz 
des sehr bedeutenden Bedarfes des Wiener Platzes das 
Angebot den Begehr von 
hydraulischen Binde 
mitteln stets überragte. 
Aber auch der Umstand 
beeinträchtigte die Preis 
stellung, dass die Frage 
nach der Qualität des 
Gementes bei den' Ab 
nehmern bedauerlicher 
weise vielfach in den 
Hintergrund tritt und bei 
Schlüssen nur die billig 
sten Preise das Entschei 
dende sind. Die nächst 
Wien gelegenen Fabri 
ken wurden, von der 
ungemein scharfen Con- 
currenz abgesehen, noch 
dadurch benachtheiligt, 
dass sie, der Lohnten 
denz des Wiener Bau 
marktes folgend, auch 
ihren Arbeitern bessere 
Löhne zugestehen 
mussten. Die Vertheue- 
rung der Arbeit in Ver 
bindung mit den eben 
falls aufwärtsstrebenden 
Anschaffungskosten für 
Holz und Reifen zur 
Emballage des Artikels 
verursachten eine nicht 
belanglose Erhöhung der 
Gestehungskosten. Im 
Ganzen waren daher die 
niederösterreichischen 
Cementwerke, obwohl die überaus ungünstige Sommer 
witterung die Baufortschritte im Allgemeinen sehr hemmte, 
dennoch befriedigend beschäftigt, und die seitens der 
Cementindustriellen der in Wien inaugurirten Bauära ent 
gegengebrachten Hoffnungen haben sich nur insofern nicht 
erfüllt, als sie über sehr gedrückte Verkaufspreise klagen. 
Die Ziegeleien Wiens waren im Berichtsjahre 
zwar voll besetzt, doch wird ein bedeutender Ausfall in 
der Jahresproduction verzeichnet, der theils auf die häufigen 
Regen während der Ziegelschlagscampagne, theils auf die 
angeblich quantitativ immer geringer werdende Leistung 
der Arbeiterschaft zurückgeführt wird. Wenn man von 
den geringen Umsätzen absieht, welche in den Monaten 
Jänner und Februar deshalb gemacht wurden, weil die 
grösseren Fabriken in ihren Abgaben rückhältig blieben, 
um den Anforderungen ihrer Clientei zu Beginn der Bau 
saison und vor Erhalt neuer Waare entsprechen zu können, 
hatten alle Fabriken für ihre Erzeugung flotten Absatz, 
ohne dass während dés ganzen Jahres eine nennens- 
werthe Preisveränderung eingetreten wäre. 
Der Preis für 1000 Stück Mauerziegel loco Baustelle 
Wien bewegte sich während des Berichtsjahres zwischen 
10*
	        
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