1903
Heft 2
ARCHITEKTONISCHE MONATSHEFTE
Modernes Geschäftslokal in Paris.
Architekt: M. Auberlet in Paris.
sollten wir uns die zweckmässigen Abmessungen alter Ge
bäude zum Muster nehmen.
Hinsichtlich der Fenster ist man glücklicherweise schon
von der Sucht, möglichst viel Fenster anzubringen, zurück
gekommen; man findet schon wieder ausreichende Wände zum
Stellen der grossen Möbel. Aber über die Form der Fenster
und ihre Abmessungen Hesse sich noch viel sagen. Hat man
erkannt, dass eine grosse Lichtquelle oder eine besondere
Stellung derselben für den Raum vorteilhaft ist, so folgt daraus
doch keineswegs die Notwendigkeit, das Fenster nun so gross
zu machen, dass es sowohl für den Gebrauch unbequem als
für die Warmhaltung des Zimmers hinderlich ist. Eine auf
merksame Beachtung der guten Lehren, welche Lichtwark in
seinen Schriften für die Behandlung der Fenster und
Thüren unsrer Wohnhäuser schon Vorjahren gegeben, thäte
auch heute noch not.
Dass eine abwechslungsreiche Gliederung des Daches
unter Umständen sehr reizvoll und doch unpraktisch und
ganz unverhältnismässig kostspielig sein kann, braucht eigent
lich ebensowenig hervorgehoben zu werden, wie dass die
Baukosten in einer für den Laien ganz verblüffenden Weise
gesteigert werden, wenn man nach Art mancher moderner
Künstler möglichst jedem Fenster und jeder Thür eine andre
bizarre Form gibt.
Je ausgiebiger elektrische Leitungen für Licht und Klingeln,
Gas- und Wasserrohre, Heizrohren, Telephonleitungen u. dergl.
auch bei einfacheren Bauten in Anwendung kommen, desto
eingehender muss sich der Architekt über alle einschlägigen
Fragen unterrichten und desto sorgfältiger muss er im voraus
für ihre Unterbringung sorgen, schon damit nicht durch nach
trägliches Einstemmen unnötige Schwächen in der Konstruktion
und unnötige Kosten verursacht werden.
Mit einigem Nachdenken kann jeder einzelne diese Be
trachtungen leicht für alle Teile eines Hauses durchführen und
vervollständigen.
Besondre Betonung verdient dagegen unsres Erachtens
für Baufachleute wie besonders für baulustige Laien die Mah
nung, die Baukosten nicht wie gewöhnlich so zu verteilen,
dass für die Umgebung des Hauses, für die Umwährung
u. s. w. nichts mehr übrig bleibt.
Wie der Edelstein erst durch die geschickte Fassung
richtig zur Wirkung gebracht wird, so wird auch dem Hause
durch geeignete Anpassung der Umgebung, wie durch Be
rücksichtigung der letzteren bei der Wahl des Baumateriales
und der Formen des Gebäudes erhöhter Reiz verliehen.
Auch hier sollten uns die zahlreichen alten Beispiele ge
schickter und doch natürlicher Terrainausnützung, wirkungs
voller Anpflan
zungen, anmuti- , » * -fw.
ger Ruheplätze, g '
Springbrunnen,
Wasserbecken
u. s. w. als Vor
bilder dienen.
Keinem aufmerk
samen Betrachter
wird ferner die
Sorgfalt und Ge
schicklichkeit
entgehen, mit der
die alten Meister
Haus und Um
gebung dadurch
in Verbindung zu
bringen wussten,
dass sie die Fen
ster so anord
neten, dass jedes
ein wirkungs
volles und be
deutendes Bild
umschloss.
Nebenge
bäude,Stallun
gen u. s. w. sol-
Thorpfeiler vom Hause Viktoria-
len in cinci der Luisenplatz 9 in Berlin.
Boswau & Knauer in Berlin.